Alle Artikel mit dem Schlagwort ‘Thomas Steinfeld

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Das Elend der Literatur-Spekulanten

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Welches Elend Spekulanten anrichten können, sehen und erleben wir in Zeiten der Finanzkrise jeden Tag: Existenzen werden zerstört, die Selbstmordrate steigt, Menschen kämpfen ums blanke Überleben, Angst regiert. Spekulationen sind gefährlich. Das gilt gleichfalls für den Literaturbetrieb, auch wenn die Folgen – spekulativ gesprochen – vermutlich nicht so gravierend sein werden. Schaden richten sie dennoch an.

Seit Dienstag hat das deutschsprachige Feuilleton einen „Skandal“ – zumindest erhoffen sich das offenbar einige der Beteiligten. Ober-Literatur-Spekulant Richard Kämmerlings, der Anfang Juni über die Identität von des Autor Jean-Luc Bannalec sinniert hat und dahinter den Verleger Jörg Bong (S. Fischer Verlag) vermutete, wofür es bis heute übrigens keine Belege gibt, hat erneut ein Pseudonym „gelüftet“. Hinter dem Autor Per Johansson, dessen Roman Der Sturm nächste Woche im S.Fischer-Verlag (!) erscheinen soll, verberge sich Feuilletonist und Literatur-Spekulant Thomas Steinfeld. Die – angebliche – Pikanterie: In dem Roman wird ein Chefredakteur einer wichtigen deutschen Zeitung ermordet. Christian Meier heiße er im Roman und trage die Züge des FAZ-Mitherausgebers Frank Schirrmacher, so Kämmerlings. Von „Rufmord“ und „Vergeltung“ ist die Rede, eine Abrechnung unter Feuilletonisten wird vermutet.

Es ist Spekulation. Es spricht für die Verkommenheit des deutschsprachigen Feuilletons, dass diese Spekulation gleich aufgegriffen wird. Ob Deutschlandradio Kultur, wo Kämmerlings flugs interviewt wird, ob Sebastian Hammelehle bei spiegel.de oder ob Gerrit Bartels bei tagesspiegel.de – niemand kann diese Vorwürfen bestätigen oder widerlegen. Schirrmacher, Steinfeld und S.Fischer – sie schweigen bislang zu den Unterstellungen. Allein der S.Fischer-Verlag räumt ein, dass sich hinter Per Johansson ein Autoren-Duo verberge.

Deutungshoheit auf Kosten der Glaubwürdigkeit

Vielleicht erinnern sich die Herren Journalisten daran, was eine Aufgabe von Journalismus sein soll: Fakten zu liefern. Das gilt auch für den Kulturjournalismus. Spekulationen führen nur zu neuen Spekulationen und Fragen: Kann es wirklich sein, dass ein Thomas Steinfeld sich zu einem solchen Unsinn hinreißen lässt? Ist er – mit Verlaub – wirklich so dumm? Und wem nützt diese Skandalisierung? Dem Verlag? Der Kriminalliteratur? Leser bleiben verunsichert, wenn nicht gar gelangweilt zurück. Zwei große Jungs im Sandkastenkrieg? Wer braucht das?

Kurz nach Veröffentlichung des Kämmerlings-Beitrag bei welt.de las ich bei Facebook erste Kommentare, dass hier erneut das Genre Kriminalliteratur für eine persönliche Fehde „missbraucht“ werde und in ein schlechtes Licht gerückt werde. Das ist Unsinn: Jeder Autor kann mit dem Genre anfangen, was er möchte, jeder kann sich seinen Krimi schreiben wie er will. Wenn es sich als persönliche Fehde entpuppt, dann ist es an den Betroffenen, die Justiz anzurufen und wieder einmal die Kunstfreiheit gegen die Würde des Menschen antreten zu lassen. Hatten wir alles schon mal und bringt Bücher ins Rampenlicht, für die sich sonst womöglich niemand wirklich interessiert. Medienhysterie und Feuilletonisten-Hype.

Alles das schadet. Wo Spekulation zum Handwerkszeug des Kulturjournalisten wird, leidet dessen Glaubwürdigkeit. Im aktuellen Fall des Romans Der Sturm wird eine weitgehend vorurteilsfreie Literaturkritik nicht mehr möglich sein. Kämmerlings hat mit seiner Spekulation das Buch und die Diskussion besetzt. Jede künftige Kritik kommt nicht umher, diesen Vorfall zumindest zu erwähnen. Richard Kämmerlings hat die Deutungshoheit übernommen. Auf Kosten der Glaubwürdigkeit, der Seriosität und des journalistischen Ethos. Das deutsche Feuilleton ist einmal mehr Opfer der Spekulanten geworden.

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Thomas Steinfeld und sein ganz schlechter Krimi

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Wie und ob man sich über die furchtbaren Ereignisse in Oslo und Utøya äußern will, bleibt jedem selbst überlassen. Bei mir lösen solche Taten stummen Schrecken aus, ein stilles Innehalten. Trauer und Wut – ja, aber darüber muss ich nicht viel sprechen oder schreiben. Das ich es heute doch tue, hat einen traurigen Anlass.

Im verwahrlosten Literaturteil des Online-Mediums sueddeutsche.de – verwahrlost deshalb, weil dort nur sporadisch Texte eingestellt werden, Axolotl Roadkill und Helene Hegmann gelten dort immer noch als Top-Schlagwörter, obwohl die feuilletonistische Karawane längst weitergezogen ist – in dieser publizistischen Ramschecke veröffentlichte Thomas Steinfeld am 25. Juli 2011 als Reaktion auf den Massenmord in Oslo und Utøya einen Text, der sich mit der prophetischen Gabe skandinavischer Kriminalautoren beschäftigt. Es ist ein dummer und widerlicher Text.

Wie sinnvoll und pietätvoll es ist, so kurz nach den Ereignissen, die noch nicht einmal eine Woche zurück liegen, über Kriminalliteratur und realen Massenmord zu schwadronieren, mag dahin gestellt bleiben. Ich halte das für überflüssig, wie die meisten Diskussionen über den Einfluss von Fiktion auf die sogenannte Realität. Aber nehmen wir an, Thomas Steinfeld sieht zu diesem Zeitpunkt, wo noch längst nicht klar ist, was da passiert ist – vermutlich wird das nie wirklich klar werden – die Notwendigkeit für eine solche Auseinandersetzung. Was aber hat er da vorzuweisen? „Die Heimsuchung des moralisch und ästhetisch Intakten, und gerade die schlimmste, ist eines ihrer bevorzugten Sujets.“ Und das „ihre“ bezieht sich explizit auf skandinavische Kriminalschriftsteller.

Was für eine Dummheit! „Die Heimsuchung der Idyllen“, wie der Text überschrieben ist, gehört zu einem Grundmotiv der Kriminalliteratur. Von den englischen Landhauskrimis einer Agatha Christie bis hin zu den deutsch-dämlichen Regionalkrimis der Jetztzeit – „friedliche, schöne Welt und grenzenloser Schrecken“, wie es bei Steinfeld pathetisch heißt, bilden schon immer die für spannende Dualität der Krimis. Das jene Idyllen unterschiedliche gesellschaftliche Strukturen aufweisen – hier etwa die klassenbewusste Dorfgemeinschaft in England, dort der sommerliche Fjord in einem fürsorglichen Sozialstaat – braucht wohl nicht betont zu werden. Zu dieser Differenzierung ist Steinfeld nicht fähig.

Eine kleine Insel

Statt dessen folgt eine Aneinanderreihung von Allgemeinplätzen, die er sich nicht einmal selbst ausgedacht hat, sondern aus einem Essay des englischen Autors Tim Parks klaut. Parks Text „The Moralist“ erschien am 9. Juni 2011 in der New York Review of Books, beschäftigt sich mit der „Millennium-Trilogie“ von Stieg Larsson. (und wird natürlich nicht von sueddeutsche.de verlinkt, obwohl der Text online abrufbar ist). Parks analysiert darin ausführlich die beiden Hauptfiguren von Larsson, Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist, diskutiert biblische Bezüge und erörtert die Gegensätzen zwischen Geheimorganisationen, Verschwörern sowie bürokratischen Staaten auf der einen und dem Einzelnen auf der anderen Seite auf. Allerdings nicht beschränkt auf skandinavische Autoren, sondern Parks führt als Beispiele Umberto Ecos „Das Foucaultsche Pendel,“ und Dan Browns „Sakrileg“ an. Sowohl literarisch wie auch in Bezug auf Gesellschaften erweitert Parks sein Blickfeld und versucht sich in einer Einordnung der Romane von Larsson in einen größeren Kontext. Steinfeld hingegen verengt den den Blick geradezu auf die kleine, idyllische Insel in Norwegen – weil es ins Bild passt.

Was Steinfeld dann nicht in den Bücher von Larsson oder Mankell findet – weil sie es schlicht nicht hergeben – jubelt er seiner „Argumentation“ anhand von Nebensächlichkeiten unter. Da müssen die deutschen Übersetzungstitel „Verblendung“, „Verdammnis“ und „Vergebung“ sowie die Cover der deutschen Mankell-Ausgaben, die oft „barocke Darstellungen von Fegefeuer und Höllenqualen“ zeigen, herhalten. Nur was will er damit sagen? Will er überhaupt etwas sagen? Oder geht es hier nur darum, mit ein paar Schlagworten einen Bezug zu der kruden Weltsicht des Anders Behring Breivik herzustellen?

„In der Darstellung solcher Verhängnisse und, mehr noch, in der Schilderung der gewaltsamen Befreiung daraus erfüllen viele skandinavische Kriminalromane eine bemerkenswert soziale Aufgabe: In der Fantasie werden die der Gemeinschaft schädlichen Elemente erkannt und wirkungslos gemacht. So gesehen, sind diese Bücher immer auch Träume von Erlösung, und wenn die Gewalt – und gerade auch: die exzessive Gewalt – in ihnen eine so große Rolle spielt, hat damit zu tun, dass die Erlösung um so leuchtender ausfällt, je schrecklicher die Verdammnis zuvor war.“

Auch hier wird wieder etwas auf Skandinavien herunter gebrochen, was selbstverständlich auch für englische, amerikanisch oder französische Kriminalliteratur gilt. Es ist und bleibt ein Grundmotiv, das in vielen Kriminalromanen unterschiedlichster Art zu finden ist.

Wie tief Thomas Steinfeld in seiner Dummheit sinkt, zeigt er im schwülstigen Schlusswort seines Artikels. Der Wahn des Attentäters liege nicht in seinen Weltanschauungen, sie liege „in seiner Entschlossenheit, diese Beweggründe in eine fantastische Weltanschauung aus Verschwörung und Verdammnis zu fassen – und sich selbst für den dunklen Erlöser, für den Vollstrecker eines Jüngsten Gerichts und den notwendig schrecklichen Boten einer neuen Ordnung zu halten. Und zur Tat zu schreiten.“ – Was für ein distanzloser, hingeschmierter Dreck, der dem mutmasslichen Massenmörder Anders Behring Breivik genau das gibt, was er will: Anerkennung und Aufmerksamkeit als das, was er sein will.

Das ist ein ganz schlechter Krimi.

Bildquelle: The Norwegian flag by Rotorhead via stock.xchng