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Macht. Euch. Hübsch.

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Wenn nicht hier, wo dann?
Wenn nicht jetzt, warum morgen?
Wenn nicht Ihr, wer sonst?

… und damit zurück in die angeschlossenen Blogs.

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Netzkultur vs. Kultur im Netz

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Als vor einigen Tagen bei Facebook einige Leute raunten, dass es beim “Titel-Magazin“ gekracht hätte, schwappte dies kaum aus der persönlichen Timeline heraus. Ein Gerücht besagte, dass ein großer Teil der Ressortleiter (ja, solche Leute gab es da wohl) zurückgetreten sei. Betroffen auch die Rubrik “Samstag ist Krimitag – SiK“, die seit Februar 2008 dort von Thomas Wörtche betreut wurde. Immerhin bestätigte Wörtche jetzt indirekt das Ende, in dem er in einem aktuellen Text über Sherlock Holmes etwas vom “mittlerweile absterbenden TITEL Magazin“ murmelte. Bevor nun der große Trauergesang anstimmt: Wirklich leid tut es mir um dieses „Online-Feuilleton“ nicht.

Reingeklickt habe ich beim “Titel-Magazin“ eigentlich nur wegen der Krimi-Inhalte, die durchaus ihre Glanzpunkte hatten (Leider sind die jetzt im Zuge des Weggangs vieler Autoren dort verschwunden). Neben der gähnend langweiligen Krimischmiede fanden sich gelegentlich kluge Texte, etwa von einer Lena Blaudez, einer Doris Wiesner oder einem Joachim Feldmann. Dabei litt die Krimirubrik unter dem gleichen Manko, wie das ganze “Online-Kulturmagazin“: nämlich, dass es kein Online-Magazin war. Oft erschien mir das “Titel-Magazin“ eher wie ein Sammelbecken der Schreiberlinge, die beim Print-Feuilleton nicht unterkommen konnten und deshalb eben mal “online“ publiziert haben – bis was Besseres kommt. Eine echte Liebe zum Medium Internet spürte man weder den Texten noch der Gestaltung des Magazins an. Vom Verständnis für die Hypertextualität des Webs mal ganz abgesehen.

Kulturelle Diktatoren

Leser spielen für solche Kulturhelden übrigens keine Rolle – außer als Klickvieh, dass mögliche Werbekunden anlocken soll. Wer zum Beispiel vor dem großen Relaunch Anfang des Jahres versucht war, einen Artikel zu kommentieren, der musste viel Geduld mitbringen, bis er eine solche Kommentarfunktion überhaupt fand. Ganz davon abgesehen, dass Leserkommentare sowieso nur bei ganz wenigen Texten möglich waren. Wer wollte, konnte stattdessen einen E-Mail an die Redaktion schicken, die garantiert nicht beantwortet wurde. Auch die Verschlimmbesserung Anfang des Jahres – Relaunch genannt – brachte da kaum Veränderung. Kann mir jemand einen Text beim “Titel-Magazin“ nennen, der außerhalb dieses hermeneutischen Zirkels Beachtung oder gar Widerspruch fand? Wer sich als reines “Online-Kulturmagazin“ so positioniert, der darf sich eigentlich nicht wundern, dass ihm die Leser fernbleiben – und es sie offenbar nicht interessiert, wenn es abzusterben droht. Von Netzkultur hatte man beim “Titel-Magazin“ schlichtweg keine Ahnung – und demonstrierte dies regelmäßig in so dümmlichen Rubriken wie den “True Blogs“.

Das Dilemma des “Titel-Magazins“ ist dabei symptomatisch für die Misere in großen Teilen des deutschen Online-Feuilletons – nämlich der Unfähigkeit zur Kommunikation mit den Lesern. Noch immer glauben Rezensenten, Kritiker und Kulturredakteure, sie könnten ihren Job so machen, wie sie ihn vor dem Aufkommen des Internets seit Jahrhunderten gemacht haben: Als Gatekeeper, als kulturelle Diktatoren, die allenfalls auf Augenhöhe – sprich mit anderen Feuilletonisten – in den Disput treten wollen. Ansonsten herrscht intellektueller Befehlston, der jeden zaghaften Dialog, der vielleicht von Lesern ausgeht, im Keim erstickt. Was Journalisten in den Ressorts Politik, Wirtschaft oder auch Sport immerhin mühsam lernen, dem verweigert sich das Feuilleton immer noch standhaft – weil es glaubt, eine Deutungshoheit zu besitzen, die allerdings platt gemacht wird mit Amazon-Kundenrezensionen und dem kleinen, blauen Facebook-Button “Gefällt mir“.

Über die Defizite des “User-generated-Content“ müssen wir nicht sprechen. Die sind immer noch groß und werden es auch vermutlich bleiben. Wer sich allerdings dem Dialog, der hier Veränderung bewirken könnte, vehement verweigert, wer zu dumm oder zu träge ist, Strategien zu entwickeln, um die User für sich dort zu nutzen, wo man sie nutzen kann – etwas in einer einfachen Diskussion bis hin zur Findung von Themen – dem geschieht es als Online-Medium recht, dass er still und leise vor sich hin stirbt. Wörtche spielt da innerhalb des “Titel-Magzins“ mit seinem “SiK“ vermutlich nur eine untergeordnete Rolle – doch hätte der Mann etwas von Netzkultur begriffen, dann wäre er möglicherweise nicht in diese “Titel-Magazin“-Falle getappt. “Wer nur etwas von Krimis versteht, versteht auch von Krimis nichts“ – das hat er einst mal selbst gesagt. Die Möglichkeiten der Netzkultur hat er jedenfalls bis heute nicht in Ansätzen begriffen. Der diesjährige Remix seines immer gleichen Textes über den Stand der Kriminalliteratur, der jüngst bei der Buchkultur erschienen ist und in dem nicht nur eine Privatfehde ausgetragen wird, sondern auch wieder mal auf die Blogger eingedroschen wird, zeugt einmal mehr von seiner Unkenntnis.

Bildquelle: aboutpixel.de / Kultur am Ende © Jens Schmidtgen