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Krimitipp | Miloš Urban: Mord in der Josefstadt

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Ungelesen, angelesen, quergelesen – Der Krimitipp des Tages | Miloš Urban: Mord in der Josefstadt
Mord in der Josefstadt
Miloš Urban: Mord in der Josefstadt : Ein Kriminalroman aus dem alten Prag / Aus dem Tschechischen von Mirko Kraetsch. – Berlin : Rowohlt Berlin, 2010
ISBN 978-3-87134-675-0 – Preis: 19,95 €

Umberto Eco, Franz Kafka und Edgar Allen Poe – die literarischen Säulenheiligen, die für Vergleiche mit Miloš Urbans Prag-Romane “Die Rache der Baumeister“ (dt. 2001) und “Im Dunkeln der Kathedrale“ (dt. 2008) herhalten müssen, sind nicht ohne. Die wahren Meister des gruseligen Schreckens aus Prag werden allerdings nicht genannt: Gustav Meyrink und Leo Perutz. Nach der Lektüre der Inhaltsangabe von Urbans neustem Roman “Lord Mord“, der in der deutschen Übersetzung “Mord in der Josefstadt“ betitelt ist, könnte man durchaus an Meyrinks phantastischen Roman “Der Golem“ denken – wenn auch nur entfernt. Urban erzählt die Geschichte einer Mordserie, die Ende des 19. Jahrhunderts die Prager Josefstadt erschüttert. Prostituierte werden ermordet (ja, Jack the Ripper mischt offenbar auch irgendwie mit) und der Dandy Adi macht sich auf die Suche nach dem Mörder, in dem die einfache Bevölkerung Kleinfleisch, eine Spukgestalt aus der jüdischen Sagenwelt, vermutet (hier grüßt dann der “Golem“). Ob die Vergleiche wirklich standhalten, kann ich noch nicht sagen. Aber wenn ein Autor im üblichen “frei erfunden“-Vermerk beteuert, dass sogar die Historie frei erfunden sei, dann lässt das interessante Krimi-Phantastik vermuten.

Da draußen
Urbi et Orbi: Blog von Miloš Urban
Homepage von Miloš Urban

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Das tägliche Drama | Folge 2

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Lazy on a sunny afternoon.

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Guido Rohm hat einen älteren Text über eine Begegnung mit Sherlock Holmes ausgegraben, in dem er sich mit dem Meister über Pierre Bayards Studie „Freispruch für den Hund der Baskervilles“ unterhält. Leseempfehlung.

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Eine ausführliche Kommentierung der aktuellen KrimiWelt-Bestenliste findet sich bei weltexpress.info. Das lasse ich dann mal unkommentiert.

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„Werden Sie Besser-Wisser“ wirbt das Nachrichtenportal „news.de“ für sein Produkt. Ob man das auch nach der Lektüre von Christian Vocks Artikel über den Film „Das Leck“ nach Henning Mankell (am Sonntag im Ersten) behaupten kann, wage ich mal zu bezweifeln.

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Damit raus aus den Niederungen deutscher Krimitrivialität, rein in die weite Welt. Beim Blog „The Rap Sheet“ erinnert man in der beliebten Kolumne „The Book You Have To Read“ an den Roman „Diva“ von Daniel Odier alias Delacorta, der die Vorlage für den gleichnamigen Neon-Klassiker der 1980er Jahre lieferte. Hier die berühmte Arie aus dem Film:

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R.I.P.: Bei Crimespee Cinema lesen wir, dass der Schauspieler James Gammon im Alter von 70 Jahren gestorben ist. Ein Nachruf findet sich auch bei der L.A. Times.

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Zurück zu den Lebenden. Beim Neuseeländischen Krimiblog „Crime Watch“ hat man die Leser darüber abstimmen lassen, wer in Großbritannien den diesjährigen„Theakston’s Old Peculier Crime Novel of the Year Award“ gewinnen soll. Das Ergebnis aus Neuseeland kann man hier nachlesen, wer den Preis wirklich abräumt, werden wir wohl im Lauf der kommenden Woche erfahren.

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Lesebefehle scheinen ja der neue Trend unter Krimilesern zu sein. „Los, Du Sau, lies!“ Auf mich wirkt das etwas befremdlich. Zum Beispiel, wenn ein Sammelband mit Leseempfehlungen, äh Leseanweisungen „Thrillers: The 100 Must-Reads“ heißt. David Morrell und Hank Wagner haben das Buch zusammengestellt, eine eher skeptische Besprechung von Michael Dirda findet sich in der Washington Post.

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Kommen wir zu den eher heiteren Dingen. Lustigen Seiten im Internet zum Beispiel. Da gibt es eine Seite, die es zur Aufgabe gemacht hat, „Detective Fiction on Stamps“, also Krimis auf Briefmarken, zu sammeln und ins Netz zu stellen. Eine Unterrubrik bildet der „Philatelic Sherlock Holmes“. Wenn das mal kein Anreiz ist, wieder mehr Briefe zu schreiben.

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Schönes Restwochenen.de

Bildquelle: Jochen Seelhammer – Fotolia.com

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Sag mir, wo die Wale sind

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Dennis Lehane: Im Aufruhr jener Tage

Die Literatur-Etikettierer dürften an dem letzten Roman von Dennis Lehane große Freude gehabt haben. Ein historischer Polizeiroman, ein historischer Amerikaroman, ein historischer Roman einer Männerfreundschaft, ein historischer Gesellschaftsroman, ein historisches Familienepos – all das und vermutlich noch mehr ist “Im Aufruhr jener Tage“. Was auch immer davon genau zutreffen mag – es ist vor allem ein dicker Roman mit seinen 758 Seiten in der deutschen Übersetzung. Nun waren diese 758 Seiten recht flott zu lesen – dennoch bleibt mein Grundproblem mit historischen Romanen: Meine Unlust, die permanente Abgrenzung zwischen Fiktion und historischen Fakten zu überprüfen. Sprich: Ich habe in der Regel keine Lust, an einer Geschichtsstunde teilzunehmen, die ich mir zudem selbst halten muss.

Bei Lehane tritt dies Problem schon mit einer Randfigur des Romans auf: Die beiden Hauptstränge der Erzählung, angesiedelt rund um den historisch verbürgten Polizeistreik in Boston im Jahre 1919, sind eingebettet in schlaglichtartige Berichte des ebenfalls historisch verbürgten Baseballspielers Babe Ruth. Streik, Politik, Gewalt – alles Teil eines großen, amerikanischen Spiels, vor dem ich in der Tat etwas ratlos stand. Sich auch nur die Grundregeln des Spiels anhand eines Romans, der in dem Fall so gar nicht weiterhalf, anzueignen, scheiterte. Auch die Erklärungen in der Wikipedia oder ähnlichen Nachschlagewerken, waren nicht von Erfolg gekrönt. Was ein Home Run ist, was ein Pitcher zu tun hat und wie ein Base Stealing funktioniert – ich ahne es nur. Zuletzt stand ich bei einem Roman von Stephen Fry – ich glaube, es war “Der Lügner“ – vor einem ähnlichen Problem. Darin wird Cricket gespielt – ebenfalls eine Sportart, deren Regeln mir auch nicht in Ansätzen erklärbar sind. Im Falle von Lehane mögen mir so manche Anspielungen, die es gleich zu Beginn des Romans während eines zufälligen Spiels zwischen einer schwarzen und einer weißen Mannschaft gibt, vielleicht durch die Lappen gegangen sein. So ist das bei historischen Romanen: Ständig wälzt man sich in den Geschichtsbüchern, sucht im Internet und fragt sich: Was ist Fiktion, was ist Fakt, wo linkt mich der Autor – und was mache ich um Himmelswillen hier eigentlich?

Bombenstarke Anarchisten

Warum lese ich nicht einfach? Will ich mich nicht auf die Geschichte konzentrieren, die mir Dennis Lehane hier auftischt? Immerhin hat er sie selbst als seinen “großen, weißen Wal“ bezeichnet und sich somit schon auch in die Nähe des wirklich großen Herman Melville gerückt. Ironie oder Größenwahnsinn? Bei einem Autor wie Lehane ist das nicht so leicht zu sagen. Sein Roman jedenfalls wirkt eher wie ein gut gedichtetes, in die Breite geschriebenes Treatment für ein mögliches Drehbuch. So filmisch und bildstark können vermutlich nur die Autoren schreiben, die die Nähe zu Hollywood verspüren. Und so sind sie auch sehr plastisch, seine beiden Anti-Helden: Der schwarze Luther Laurence, Kleinganove und Hausdiener, und der weiße, irischstämmige Danny Coughlin, Sohn des Captains des Boston Police Departments. So weit ihre Welten durch Herkunft und Rasse zunächst auseinander liegen, der Zufall bringt sie zusammen. Luther flieht, nachdem er einen Gangsterboss getötet hat, quer durchs Land und findet schließlich im Hause des Captains eine Anstellung.

Hier nun kreuzen sich die Wege der beiden Männer, die tatsächlich so etwas wie eine Freundschaft verbindet. Der Rest ist die übliche, wenn auch bildstarke Staffage aus den historischen Breitwandschinken. Politische Unruhen, in die Danny verwickelt wird – er soll die Gewerkschaftsbewegung innerhalb der Polizei aushorchen und letztlich hochgehen lassen, wechselt aber die Seiten und stellt sich somit auch gegen seinen Vater – gehören ebenso zur Romanausstattung wie der verbreitete Rassismus, gegen den Luther versucht, sich aufzulehnen. Dann dichtet Lehane natürlich für jeden der beiden Männer noch eine traurig-tragische Liebesgeschichte hinzu: Luther, der seine hochschwangere Frau bei seine Flucht zurück lassen musste, Danny, der sich nicht standesgemäß in ein Dienstmädchen verliebt, das zudem schon mal verheiratet war. Ist das kitschig? Mag sein, es gehört aber irgendwie dazu – alles andere hätte mich schon enttäuscht.

Und dann natürlich das unvermeidliche Schlachtengetümmel, das historischen Schmökern so eigen ist. Keine römischen Sandalenträger, keine scheppernden Ritterrüstungen – nein, es sind die streikenden Polizisten, die sich hier gegenseitig abschlachten dürfen. Dazu noch fiese, bombenstarke Anarchisten – da blitzte in der Tat die Gegenwart mit ihren islamischen Terroristen auf – die sich auf ganz perfide Weise das Vertrauen von Danny erschleichen. Das ist Drama, das ist Geschichte, das ist Pop(corn)-Literatur. Das macht Spaß, das liest sich flott, das tut nicht weh. Man lernt sogar etwas, zumindest, wenn man die Geschichtsbücher daneben liegen hat. Einen großen, weißen Wal habe ich hingegen nicht entdecken können – obwohl man im Hafen von Boston durchaus auf Whale-Watching-Tour gehen kann.

Dennis Lehane: Im Aufruhr jener Tage : Roman / Aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff. – Berlin : Ullstein, 2010
ISBN 978-3-550-08754-7 – Preis 22,95 €

Originalausgabe:
Dennis Lehane: The Given Day. – New York : William Morrow, 2006

Buch bestellen bei:
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Da draußen:
Homepage von Dennis Lehane

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Das tägliche Drama | Folge 1

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Dieser Beitrag hat zu einer schönen Diskussion zwischen Christiane Geldmacher und mir geführt, allerdings nur bei Facebook. Freundschaftsanfragen sind wie immer willkommen. Im Zuge dessen wünscht sich Christiane einen Beitrag zum aktuellen Stand der deutschen Krimiblogs. Kommt. Demnächst.

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Weils die Alligatorpapiere auch schon vermeldet haben, hier noch mal der Hinweis auf die Besprechungen von Joachim Feldmann, die einst beim Titel-Magazin erschienen sind und nun auf der Internetseite der Literaturzeitschift „Am Erker“ hinterlegt sind.

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Das Börsenblatt hat ein neues Themen Special zum Krimi vorgelegt. Darin unter anderem:
* Verbrechen hautnah: ehemalige Polizisten als Autoren
* Krimis mit politischem Akzent: Interview mit Nautilus-Verleger Lutz Schulenburg
* Von Sherlock Holmes bis Lisbeth Salander: Alterslose Klassiker und coole Kultfiguren sind ein lukratives Geschäft für Publikumsverlage
* Interview: Der US-Autor Jedediah Berry hat mit „Handbuch für Detektive“ (C.H. Beck) einen Roman geschrieben, der mit Elementen des Krimis, der Literatur und des Fantasy-Genres spielt.
* Quiz: Kennen Sie sich mit Krimis aus?
* Umfrage: Gibt es zu viel Spannungsliteratur?

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Also, wiederhole ich die Frage: Gibt es zu viel Spannungsliteratur? Auch Thomas Klingenmaier bereitet der Überdruss am Krimi Sorgen, unter anderem hier in den Kommentaren. Dabei möchte ich nicht versäumen auf das schöne Blog „Propellerinsel“ bei der Stuttgarter Zeitung hinzuweisen, in dem Herr Klingenmaier mitbloggt.

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Andere fürchten gar den Tod des Romans. Wahrscheinlich gilt auch hier: Totgesagte leben länger.

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Und damit ins Ausland. Schon vor einigen Tagen erschien der Artikel „How the world became one big crime scene“ vom geschätzten Declan Burke. Die Welt ist uns eben nicht genug. Oder so.

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Auch ’ne hübsche Idee: „I write like“. Finden Sie raus, welchem berühmten Autor Ihr Schreibstil gleicht. Funktioniert allerdings nur mit englischen Texten. Folgendes Ergebnis gabs bei mir:

I write like
Edgar Allan Poe

I Write Like by Mémoires, Mac journal software. Analyze your writing!

Wow, kann ich da nur sagen, klopfe mir und „Rap Sheet“ auf die Schultern, letztere haben es gefunden.

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So, und meine aktuelle Lektüre wurde schon vielerorts besprochen: „Cash“ von Richard Price.
Womit ich bei meinem Stapel der unbesprochenen Werke (unvollständig): wäre. Schönen Resttag noch.

Derek Nikitas: Scheiterhaufen
r.evolver: The Nazi Island Mystery
Pablo De Santis: Das Rätsel von Paris
James Ellroy: Blut will fließen
Rolf Redlin: Bullenbeißer
Guido Rohm: Blut ist ein Fluss
Ian Rankin: Ein reines Gewissen
Hallgrímur Helgason: Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen
Domingo Villar: Strand der Ertrunkenen
Michael Marano: Dawn Song
Christian Moerk: Darling Jim
Christian Dorph und Simon Pasternak: Der deutsche Freund
William Gay: Nächtliche Vorkommnisse
Krischan Koch: Flucht übers Watt
Petros Markaris: Die Kinderfrau
Catherine O’Flynn: Was mit Kate geschah
Michael Robotham: Dein Wille geschehe
Dan Simmons: Drood
Daniel Stashower: Sir Arthur Conan Doyle – Das Leben des Vaters von Sherlock Holmes

Kein Krimi
Jason Fried & David Heinemeier Hansson: Rework
Elisabeth Rank: Und im Zweifel für dich selbst
Manfred Büttner und Christine Lehmann: Von Arsen bis Zielfahndung

Bildquelle: aboutpixel.de Clown © Sandra Bus

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Krimitipp | Ricardo Piglia : Brennender Zaster

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Ungelesen, angelesen, quergelesen – Der Krimitipp des Tages | Ricardo Piglia : Brennender Zaster

Ricardo Piglia : Brennender Zaster / Aus dem argentinischen Spanisch von Leopold Federmair. – Berlin : Wagenbach, 2010
ISBN 978-3-8031-2635-1. – Preis 9,90 €

Natürlich: eine wahre Geschichte. Die Ereignisse, die den argentinischen Schriftsteller Ricardo Piglia zu seinem True-Crime-Roman “Plata Quemada“ inspiriert haben und die er in Roman verarbeitet, fanden 1965 in Buenos Aires und Montevideo statt – so schildert es Piglia jedenfalls im Nachwort. Der Überfall auf einen Geldtransporter, bei dem mehrere Menschen ums Leben kommen, ist Ausgangpunkt einer abenteuerlichen Flucht, die in einer sechzehn Stunden dauernden Belagerung der Gangster mündet. Die Belagerung wird von Radio und Fernsehn übertragen und endet im Massaker.

Einmal mehr ein wahrer Kriminalfall, einmal mehr eine Geschichte, die, wenn nicht zur Identifikation, so doch zur Sympathie mit den Monstern einlädt. Wird Zeit, das Buch zu lesen, das bereits 2001 erstmals auf Deutsch veröffentlicht wurde und nun, im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse in Wagenbachs Reihe “Argentinien bei Wagenbach“ als Taschenbuch neu aufgelegt wurde.

Da draußen:
Ein Interview mit Ricardo Piglia bei „En blanco y negro“ (span.)

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Gefangen in der Gegenwart

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Dominique Manotti: Letzte Schicht

Fernsehredakteuren in Nachrichtenredaktionen wird beigebracht, ihre Off-Texte – also die Texte, die die laufenden Bilder in einem Beitrag begleiten, erklären oder kommentieren – im Präsens zu verfassen. Auch wenn Geschehnisse geschildert werden, die in der Vergangenheit liegen (was bei nachrichtlichen Beiträgen der Regelfall ist), bleibt die Erzählzeit in der Gegenwart. Das soll zusammen mit der Kraft der Bilder Unmittelbarkeit und Nähe vermitteln. Der Zuschauer ist mittendrin statt nur dabei. Was für das Fernsehen nachvollziehbar sein mag, ist in der erzählenden Prosa für den Leser, nun sagen wir mal, anstrengend. Ein aktuelles Beispiel für eine solche anstrengende Lektüre ist der frisch übersetzte Roman “Letzte Schicht“ der französischen Historikerin und Gewerkschafterin Dominique Manotti. In diesem Roman, im Französischen bereits 2006 erschienen, zeigen die menschenverachtenden Methoden des modernen Kapitalismus, gepaart mit der kriminellen Energie von korrupten Beamten und Fabrikleitern, ihr hässliche Fratze: Mord, Vergewaltigung und Erpressung. Manottis Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit was das Setting und die Rahmenhandlung betrifft. Es geht um den Machtkampf im Zuge der Privatisierung des Rüstungsunternehmens Thompson und den Verkauf an den südkoreanischen Konzern Daewoo in den Jahren 1996 und 1997. Die realen Ereignisse, die wie ein Bühnenbild für die Krimihandlung wirken, liegen also schon länger zurück.

Dennoch erzählt die Autorin ihre Geschichte durchgängig im Präsens. Sie wirft dabei sowohl einen Blick auf die Führungsebene, in der ein abgekartetes Spiel zwischen Politikern und leitenden Angestellten läuft, um im großen Stil Subventionen zu kassieren, als auch auf die einfachen Leute in einem Werk in Lothringen, in dem Bildröhren hergestellt werden. Die Arbeitsbedingungen der Menschen – viele von ihnen sind Einwanderer – sind hundsmiserabel, die Unfälle häufen sich. Als die Arbeiterin Rolande Lepetit auf die Straße gesetzt wird, weil sie sich für eine verunglückte Kollegin eingesetzt hat und die Kunde von der drohenden Schließung des Werkes die Runde macht, kocht die Wut der Beschäftigten hoch. Das Werk wird von den Arbeitern besetzt. Als die Fabrik in Flammen steht, sind die Schuldigen schnell gefunden: Ein Arbeiter mit zwielichtigem Ruf soll das Feuer gelegt haben. Dabei ist er, wie seine Kollegen auch, nchts anderes als eine willige, dumme Marionette im Spiel der Mächtigen.

Das große Raubtier

Der Rüstungskonzern Matra erhält im Zuge der Privatisierung von Thompson zunächst den Zuschlag. Das gefällt dem Konkurrenten Alcatel überhaupt nicht. Kurzerhand wird der Privatdetektiv Charles Montoya nach Lothringen geschickt, um belastendes Material auszugraben. Nicht nur die brennende Fabrik, auch der vertuschte Subventionsbetrug könnte Matra in Bedrängnis bringen. Das dabei beide Parteien über Leichen gehen, gehört zum Geschäft – auch des Kriminalromans und der Krimiautorin. Die kleinen und großen Schweinereien gedeihen – müssen in dem realen Setting der Autorin sogar gedeihen, denn eine Wahl scheint niemand zu haben. Die aufmüpfige Arbeiterin Lepetit, der ortsansässige Kommissar oder der Fabrikleiter – sie alle sind Opfer des großen Raubtiers, das das Schicksal Einzelner lenkt. Die Auswüchse des modernen Kapitalismus – bei Manotti werden sie greif- und erfahrbar, auch wenn die Mordrate im Roman dann doch recht hoch erscheint. Alkoholismus, Depression, andere Krankheiten bis hin zu Selbstmord dürften da in der realen Welt eher der Preis sein, den die zahlen müssen, die für das Bruttosozialprodukt ausgebeutet werden.

So eindringlich und auch spannend Manottis Roman an vielen Stellen ist, es bleibt das große Manko der Gegenwart. Der Wahl des penetranten Präsens scheint so, als würde Manotti der Wucht und Kraft ihrer Geschichte, ihrer Figuren und ihrer Bilder – ich denke da zum Beispiel an einen geköpften Ingenieur gleich zu Beginn des Romans – nicht über den Weg trauen. Die Gegenwartsform kehrt somit leider die Geschichte ins Gegenteil: Statt klarer, fesselnder Struktur gibt es eine erzählerische Überblendung, die letztlich bei der Lektüre nur noch nervt. So wird aus dem Roman eine hochgezüchtete Studie über den mörderischen Kapitalismus und der immer schneller werdenden Globalisierung. Gefangen in der Gegenwart lässt die Autorin ihren Lesern keinen Freiraum zum Innehalten, zum Abstand, zur Reflexion – was bei diesem Thema sehr notwendig gewesen wäre. Statt dessen rauschen wie in einem schnell geschnittenen Vidoeclip Bilder und Figuren an einem vorbei, ein hochgestylter Wirtschaftsthriller, der allerdings recht schnell wieder vergessen ist. Schade.

Dominique Manotti: Letzte Schicht / Aus dem Französischen von Andrea Stephani. – Hamburg : Argument Verlag, 2010
ISBN 978-3-86754-188-6 – Preis 12,90 €

Originalausgabe:
Dominique Manotti: Lorraine Connection. – Paris : Éditions Payot & Rivages, 2006
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Dominique Manotti in der Wikipedia
Paris bündelt Rüstungsindustrie – Artikel zur Privatisierung von Thompson in der „Welt“