Alle Artikel mit dem Schlagwort ‘Krimi

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Schnell & schmutzig

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10.519.909.366 Einträge vermeldet tumblr just in diesem Moment. Ein paar davon stammen auch von mir. Da ich es – nicht nur jetzt – schnell und schmutzig mag, scheint mir ein Tumblelog zur Zeit die angebrachtere Heimat für all den Kram – auch den Krimikram – , von dem ich denke, dass die Welt ihn wissen und zur Kenntniss nehmen sollte.

Braucht natürlich kein Mensch. Aber genau darum ging es ja auch mal bei Blogs. To make a long story short: tage-des-lesens.de.
Jetzt, nicht für immer.

»Tumblelogs are the punk rock of blogging.«

P.S.: Natürlich ist tage-des-lesens.de ein NSFW-Blog. Warum, müsst Ihr schon selber herausfinden.

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Thomas Steinfeld und sein ganz schlechter Krimi

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Wie und ob man sich über die furchtbaren Ereignisse in Oslo und Utøya äußern will, bleibt jedem selbst überlassen. Bei mir lösen solche Taten stummen Schrecken aus, ein stilles Innehalten. Trauer und Wut – ja, aber darüber muss ich nicht viel sprechen oder schreiben. Das ich es heute doch tue, hat einen traurigen Anlass.

Im verwahrlosten Literaturteil des Online-Mediums sueddeutsche.de – verwahrlost deshalb, weil dort nur sporadisch Texte eingestellt werden, Axolotl Roadkill und Helene Hegmann gelten dort immer noch als Top-Schlagwörter, obwohl die feuilletonistische Karawane längst weitergezogen ist – in dieser publizistischen Ramschecke veröffentlichte Thomas Steinfeld am 25. Juli 2011 als Reaktion auf den Massenmord in Oslo und Utøya einen Text, der sich mit der prophetischen Gabe skandinavischer Kriminalautoren beschäftigt. Es ist ein dummer und widerlicher Text.

Wie sinnvoll und pietätvoll es ist, so kurz nach den Ereignissen, die noch nicht einmal eine Woche zurück liegen, über Kriminalliteratur und realen Massenmord zu schwadronieren, mag dahin gestellt bleiben. Ich halte das für überflüssig, wie die meisten Diskussionen über den Einfluss von Fiktion auf die sogenannte Realität. Aber nehmen wir an, Thomas Steinfeld sieht zu diesem Zeitpunkt, wo noch längst nicht klar ist, was da passiert ist – vermutlich wird das nie wirklich klar werden – die Notwendigkeit für eine solche Auseinandersetzung. Was aber hat er da vorzuweisen? „Die Heimsuchung des moralisch und ästhetisch Intakten, und gerade die schlimmste, ist eines ihrer bevorzugten Sujets.“ Und das „ihre“ bezieht sich explizit auf skandinavische Kriminalschriftsteller.

Was für eine Dummheit! „Die Heimsuchung der Idyllen“, wie der Text überschrieben ist, gehört zu einem Grundmotiv der Kriminalliteratur. Von den englischen Landhauskrimis einer Agatha Christie bis hin zu den deutsch-dämlichen Regionalkrimis der Jetztzeit – „friedliche, schöne Welt und grenzenloser Schrecken“, wie es bei Steinfeld pathetisch heißt, bilden schon immer die für spannende Dualität der Krimis. Das jene Idyllen unterschiedliche gesellschaftliche Strukturen aufweisen – hier etwa die klassenbewusste Dorfgemeinschaft in England, dort der sommerliche Fjord in einem fürsorglichen Sozialstaat – braucht wohl nicht betont zu werden. Zu dieser Differenzierung ist Steinfeld nicht fähig.

Eine kleine Insel

Statt dessen folgt eine Aneinanderreihung von Allgemeinplätzen, die er sich nicht einmal selbst ausgedacht hat, sondern aus einem Essay des englischen Autors Tim Parks klaut. Parks Text „The Moralist“ erschien am 9. Juni 2011 in der New York Review of Books, beschäftigt sich mit der „Millennium-Trilogie“ von Stieg Larsson. (und wird natürlich nicht von sueddeutsche.de verlinkt, obwohl der Text online abrufbar ist). Parks analysiert darin ausführlich die beiden Hauptfiguren von Larsson, Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist, diskutiert biblische Bezüge und erörtert die Gegensätzen zwischen Geheimorganisationen, Verschwörern sowie bürokratischen Staaten auf der einen und dem Einzelnen auf der anderen Seite auf. Allerdings nicht beschränkt auf skandinavische Autoren, sondern Parks führt als Beispiele Umberto Ecos „Das Foucaultsche Pendel,“ und Dan Browns „Sakrileg“ an. Sowohl literarisch wie auch in Bezug auf Gesellschaften erweitert Parks sein Blickfeld und versucht sich in einer Einordnung der Romane von Larsson in einen größeren Kontext. Steinfeld hingegen verengt den den Blick geradezu auf die kleine, idyllische Insel in Norwegen – weil es ins Bild passt.

Was Steinfeld dann nicht in den Bücher von Larsson oder Mankell findet – weil sie es schlicht nicht hergeben – jubelt er seiner „Argumentation“ anhand von Nebensächlichkeiten unter. Da müssen die deutschen Übersetzungstitel „Verblendung“, „Verdammnis“ und „Vergebung“ sowie die Cover der deutschen Mankell-Ausgaben, die oft „barocke Darstellungen von Fegefeuer und Höllenqualen“ zeigen, herhalten. Nur was will er damit sagen? Will er überhaupt etwas sagen? Oder geht es hier nur darum, mit ein paar Schlagworten einen Bezug zu der kruden Weltsicht des Anders Behring Breivik herzustellen?

„In der Darstellung solcher Verhängnisse und, mehr noch, in der Schilderung der gewaltsamen Befreiung daraus erfüllen viele skandinavische Kriminalromane eine bemerkenswert soziale Aufgabe: In der Fantasie werden die der Gemeinschaft schädlichen Elemente erkannt und wirkungslos gemacht. So gesehen, sind diese Bücher immer auch Träume von Erlösung, und wenn die Gewalt – und gerade auch: die exzessive Gewalt – in ihnen eine so große Rolle spielt, hat damit zu tun, dass die Erlösung um so leuchtender ausfällt, je schrecklicher die Verdammnis zuvor war.“

Auch hier wird wieder etwas auf Skandinavien herunter gebrochen, was selbstverständlich auch für englische, amerikanisch oder französische Kriminalliteratur gilt. Es ist und bleibt ein Grundmotiv, das in vielen Kriminalromanen unterschiedlichster Art zu finden ist.

Wie tief Thomas Steinfeld in seiner Dummheit sinkt, zeigt er im schwülstigen Schlusswort seines Artikels. Der Wahn des Attentäters liege nicht in seinen Weltanschauungen, sie liege „in seiner Entschlossenheit, diese Beweggründe in eine fantastische Weltanschauung aus Verschwörung und Verdammnis zu fassen – und sich selbst für den dunklen Erlöser, für den Vollstrecker eines Jüngsten Gerichts und den notwendig schrecklichen Boten einer neuen Ordnung zu halten. Und zur Tat zu schreiten.“ – Was für ein distanzloser, hingeschmierter Dreck, der dem mutmasslichen Massenmörder Anders Behring Breivik genau das gibt, was er will: Anerkennung und Aufmerksamkeit als das, was er sein will.

Das ist ein ganz schlechter Krimi.

Bildquelle: The Norwegian flag by Rotorhead via stock.xchng

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Das tägliche Drama | Folge 9

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Evil+++ Twitter off +++

Weihnachts- und Jahresendspurt. In den Blogs dieser Welt kehrt die Besinnlichkeit ein, Bilder von Weihnachtsbäumen, Weihnachtsgänsen, Weihnachts-…. (beliebig zu ergänzen) schmücken die digitale Welt und der Bücher lesende Teil der Menscheit hält Rückschau auf die Bücher des Jahres. Doch wer findet überhaupt noch Zeit zum Lesen?

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Vergessene Verbrechen: Kürzlich ist leider der Regisseur Blake Edwards verstorben. Michael Carlson lenkt bei „Irresistible Targets“ die Aufmerksamkeit auf die TV-Krimis des Meisters. Sehr schön.

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Die Volksseele kocht: Edward Docx hat vor einigen Tagen für den „Guardian“ die Romane von Stieg Larsson und Dan Brown als „amateurhaft“ entlarvt (was nicht schwer gewesen sein dürfte). Nun schlägt das Lesevolk zurück: Laura Miller bekennt, dass sie schlechte Schreibe liebt. Wen wundert es?

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Krimiautoren empfehlen Krimiautoren – dieses lustige Spielchen gibt es im Blog von Jen Forbus zu lesen und zu sehen, denn Jen hat die Empfehlungen in einem kurzen Video eingefangen. Und wer „Hello Kitty Must Die“ von Angela S. Choi empfiehlt, den muss man einfach mögen.

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Nervensägen: Weihnachten ist ja eigentlich DAS Kinderfest. Doch die kleinen Racker können ja auch ganz schön nerven. Im Blog „Hey, There’s A Dead Guy in the Living Room“ gibt es nette Tipps, wie man die Kids ein wenig erschrecken kann. Allerdings habe ich den Eindruck, dass die Kids von heute abgehärterter sind…

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Frischfleisch: Auch ein beliebtes Ritual in englischsprachigen Krimiblogs – eine persönlich Liste mit den Autor/innen, die man im zu Ende gehenden Jahr das erstemal gelesen hat. Peter Rozovsky von „Detectives Beyond Borders“ hat so eine Liste im Angebot, ebenso J. Kingston Pierce bei „Rap Sheet„, Jen Forbus gleichfalls.

Sarah Weinman hingegen hat einfach mal ihre Favoriten für 2010 zusammengestellt, das alles in ihrem hübschen Tumblr-Blog.

Und überhaupt die Besten und das Beste gibt es derzeit bei „Day Labor“ – dem offiziellen Blog des „Crimefactory Magazin„.

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Verschneit: Wer noch nicht genügend Schnee gesehen hat, bei „Euro Crime“ hat Karen ein paar hübsche Schnee-Cover-Bilder zusammengestellt. Und was sind Eure Lieblings-Schnee-Cover-Bilder?

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Augenfutter: Ein Blog, das mir bislang leider verborgen geblieben ist, sei hiermit ausdrücklich empfohlen. Bei „Crime Time Preview“ gibt es Vorankündigungen für Krimis und Thriller, die demnächst im englischen TV zu sehen sind.

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Schwanzvergleich: Wer ist der größte Schriftsteller aller Zeiten? Diese Frage scheint besonders für Krimiautoren wichtig zu sein. John Harvey hat jetzt die Antwort gefunden und sie hat etwas mit Tolstoi und Beethoven zu tun. Gut, dass dies jetzt endgültig geklärt ist.

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Soweit für den Moment. Zum Schluss noch Musik für alle armen Schriftsteller, getreu dem Motto: „And if I share with you my story would you share your dollar with me“.

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Bildquelle: Evil Snowman by Dave Hogg @flickr via everystockphoto.com

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Die Krimi-Maschine

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Seit etwa vier Monaten werden meine Follower, Fans und Freunde bei Twitter und Facebook von mir mit Krimi-Nachrichten versorgt. Von mir? Nein, eigentlich nicht. Die Rede ist von den Online-Zeitungen „Krimi Daily“ (die deutsche Version) und „Crime Fiction Daily“ (die englische Version), die über den automatisieren Nachrichtengenerator paper.li einmal täglich ausgeliefert werden.

Wie funktioniert das?
paper.li bietet Twitter- und Facebook-Nutzern die Möglichkeit, automatisierte Zeitungen aus öffentlichen Tweets und seit kurzem auch aus öffentlichen Facebook-Meldungen generieren zu lassen. Es ist also kein Mensch, der da Nachrichten zusammenstellt, es ist eine „Maschine“, die die Nachrichtenauswahl trifft und versucht, sie zu ordnen und in ein zeitungsähnliches Layout zu bringen.

Welche Nachrichten ausgewählt werden, kann ich als angemeldeter Nutzer bei paper.li beeinflussen. So kann ich zum Beispiel Zeitungen zu bestimmten Schlagwörtern oder Hash-Tags erstellen lassen, oder, wie es bei meinen beiden Twitter-Zeitungen „Krimi Daily“ und „Crime Fiction Daily“ geschieht, anhand einer Liste von ausgewählten Twitteren, denen ich als @krimiblogger bei Twitter folge und von denen ich annehme, dass sie zumindest gelegentlich etwas zum Thema Kriminalliteratur, Krimis, Thriller, Noir, Mystery, Crime Fiction etc. twittern. Konkret handelt es sich um die Twitter-Liste @krimiblogger/krimi, die deutschsprachige Krimitwitterer umfasst, so wie die beiden englischsprachigen Twitter-Listen @krimiblogger/crime-fiction und @krimiblogger/crimewriters.

Dabei werden allerdings nur die Tweets ausgewertet, die Links zu Artikeln und Beiträgen im Internet enthalten. Weiterhin gibt es gesonderte Auflistungen von Videos und Bildern in den paper.li-Zeitungen. Wie und wo welche Artikel, Videos und Bilder angezeigt werden, kann ich allerdings nicht beeinflussen.

Und was soll das?
Begonnen hat das für mich als eine Spielerei. Automatisch generierte Nachrichtenseiten lösen sicher bei dem einen oder anderen Bedenken aus. So etwas kann von Menschen bearbeitete, sortierte und gewichtete Linksammlungen sicher nicht ersetzen. Für die Nutzung und die Lektüre täglicher Twitter-Nachrichten aber kann eine solche „Zeitung“ eine sinnvolle Ergänzung sein. Denn Twitter ist bekanntlich schnelllebig. Durch die tägliche „Krimi-Maschine“ wird man vielleicht auf den ein oder anderen Artikel aufmerksam, der in der Twitter-Timeline möglicherweise verschwunden ist.

Welche Reaktionen gab es bisher?
In Deutschland zeigt sich die kriminelle Twittergemeinde eher skeptisch. Im englischsprachigen Ausland hingegen habe ich durch „Crime Fiction Daily“ viele positive Reaktionen bekommen. Diese „Zeitung“ wurde sogar in einem Artikel über Twitter erwähnt.

Ich will – nicht!
Wer mit auf diese Liste will, schickt mir einfach eine E-Mail oder kontaktiert mich über Twitter.

Wer aber nicht erwähnt werden möchte, der findet hier Infos, wie die Erwähnungen unterbunden werden können – oder schickt mir ebenfalls eine E-Mail.

Was kommt?
Weitere Listen und Zeitungen sind in der Vorbereitung. Zudem kann man seit einigen Tagen auch öffentliche Nachrichten bei Facebook zur Zeitung verarbeiten lassen. Es bleibt auf jeden Fall spannend.

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Vier Frauen und drei Morde

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Scheiterhaufen von Derek Nikitas
Derek Nikitas: Scheiterhaufen

„Als sie ihre Augen öffnete, um zu sehen, war ihr Blick vollkommen klar. Sie sah Quinn zusammengesackt vor der Kiefer, der Schnee um ihn herum war rot getränkt, als seien dort Kochtöpfe mit Blut ausgeschüttet worden. Sein tätowierter Arm war an der Schulter abgeschnitten und aus der großen breiigen Wunde regnete es Blutfäden. Sein Gesicht war aschgrau, der Schatten des Todes war bereits da. Sein Arm selbst war verschwunden, und das schien von allem am Seltsamsten.“

Solche Schlacht- und Mordszenen bleiben einem nach der Lektüre von Derek Niktias Debütroman “Scheiterhaufen“ durchaus im Gedächnis. Ist das nun widerlicher Splatterkitsch oder gekonnte, drastische Zuspitzung einer Situation, in die die fast 16-jährige Luc geraten ist. Sie, die Hauptfigur des Romans, wird Zeugin des Mordes an Quinn, dem Jungen, den sie fast geliebt hätte und der sie so übel hintergangen und verraten hat. Beide sind in die Fänge einer Rockerbande geraten, und es ist klar, dass es neben Quinn noch weitere Tote geben wird.

Gewaltexzesse unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen, bei Nikitas liefern sie den Kern für eine Geschichte von vier Frauen und drei Morden. Den ersten Mord erlebt Luc als überraschte Zeugin im Auto ihres Vaters. Als ein Typ Oscar Moberg kaltblütig auf einem Parkplatz abknallt, gehen Luc und auch die ermittelnde Polizistin Greta zunächst von einem Raubmord aus. Doch dann wendet sich das Blatt: Luc entdeckt 5.000 Dollar im Haus ihrer Eltern – Geld, das ihre Mutter Blair vermutlich als Belohnung für den Auftragsmord an ihrem Mann versteckt hält. Damit nicht genug: Blair stürzt sich von einer Klippe, doch ihr Selbstmordversuch misslingt. Fortan leidet sie unter einer Amnesie, erinnert sich kaum noch an Luc. Plötzlich ist die 16-Jährige auf sich gestellt und sucht Zuflucht beim Nachbarjungen Quinn.

Doch der scheinbar coole Quinn handelt im Auftrag einer Rockerbande, deren Anführer Mason, zusammen mit seiner hochschwangeren Freundin Tanya, Luc entführt, um an das noch fehlende Geld zukommen. Ein Albtraum für die 16-Jährige, die in einer Hütte versteckt gehalten wird. Tanya, das Leben in tristen Trailer-Parks gewöhnt, passt auf sie auf und träumt von einem besseren Leben mit ihrem Baby, dessen Geburt kurz bevorsteht. Und das ist nicht das einzige Problem, mit dem sich Tanya herumschlagen muss: Plötzlich taucht der Verräter Quinn auf – sein Todesurteil. Unterdessen rücken die Polizistin Greta und ihrer Kollegen den Rockern immer mehr auf die Pelle – bis es zum schaurigen Showdown in verschneiter Landschaft kommt.

Vom Backfisch zur Mörderin

Viel Brutalität, viel Gleichgültigkeit, viel Trostlosigkeit – auf diese Worte kann man Lucs Geschichte, die zugleich auch die Geschichte von ihrer Mutter Blair, der Polizistin Greta und der Rockerbraut Tanya ist, zusammenfassen. Nikitas Roman ist durchweg düster und dicht – bis zu einem Ende, das nicht so wirklich zu einem knallharten Noir-Roman passen will. Seine Qualität zeigt er immer da, wo der Autor ausblendet, wo er Raum für die Bilder des Lesers lässt, wo oft nur einzelne Sätze einen ganzen Film ablaufen lassen können. Das geschieht leider zu selten in diesem Roman. Gerade die Mordszenen – sei es der Mord an Lucs Vater, sei es das Abschlachten von Quinn – beschreibt Nikitas zu deutlich, zu genau und nimmt damit seiner Erzählung den Atem. Andeutungen, Striche, Lücken – all das hätte den Roman intensiver wirken lassen.

Dabei ist Nikitas durchaus ein Erzähler, der etwas zu sagen hat. Allein, dass er in seiner “Coming-of-Age“-Geschichte – was man im Deutschen wohl noch am ehesten mit einem Bildungs- oder Entwicklungsroman vergleichen könnte – vier Frauen in den Vordergrund stellt, ist bemerkenswert. Eine solche Zusammenstellung findet sich bei dieser Art von Literatur nämlich eher selten. Auch sein nüchterner, fast kalter Stil, der seine Figuren mehr durch ihre Gedanken und Gespräche zeichnet, als durch Beschreibungen eines allwissenden Erzählers, kann überzeugen. Die hinterhältige Dramatik, die er seiner Geschichte verpasst, die eine oder andere Wendung, die er geschickt einbaut, spricht dafür, dass Nikitas ein kluger Dramatiker ist. Weiterer Beweis ist die Figur Luc, die zunächst wie ein typischer Backfisch erscheint, gelegentlich CDs klaut, dann Zeugin am Mord ihres Vaters wird, schließlich den Tod ihres Verräters herbeisehnt und dann selbst zur Mörderin wird – das ist schon eine Entwicklung, die man in klassischen Bildungsromanen eher selten liest. Allein, das arg kitischige Ende, das so wirkt, als sei es für einen US-amerikanischen Mainstream-Film ausgedacht, nimmt dem Roman die Wucht.

Was als durchaus provozierende Story beginnt, die einen klaren Blick auf das Leben in amerikanischen Kleinstädten und in den furchtbaren Wohnwagensiedlungen wirft, verkümmert zum Schluss zu einer rührseligen Vier-Frauen-Geschichte.

Derek Nikitas: Scheiterhaufen/ Übersetzt aus dem Amerikanischen von Jens Seeling. – Frankfurt am Main : Seeling Verlag, 2010. –
ISBN 978-3-938973-11-0 – Preis: 15 €

Originalausgabe: Derek Nikitas: Pyres. – New York : St. Martin Minotaur, 2007

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Homepage von Derek Nikitas
This World Like A Knife – Blog von Derek Nikitas

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Krimitipp | Jedediah Berry: Handbuch für Detektive

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Ungelesen, angelesen, quergelesen – Der Krimitipp des Tages: Jedediah Berry: Handbuch für Detektive
Handbuch für Detektive von Jedediah Berry
Jedediah Berry: Handbuch für Detektive : Roman / Aus dem Englischen von Judith Schwaab. – München : C. H. Beck, 2010
ISBN 978-3-406-60515-4 – Preis: 19,95 €

Mashup ist auch beim Krimi angesagt. Krimi-Solos reichen nicht immer. Krimi, dieser elendige Bastard, treibt es auch gerne mit anderen Genres: Science Fiction, Horror oder Fantasy zum Beispiel. Ein Beispiel dafür ist der Debütroman „The Manual of Detection“ des US-amerikanischen Autors Jedediah Berry, der in diesen Tagen bei C.H. Beck unter dem Titel „Handbuch für Detektive“ erschienen ist. Laut deutscher Verlagswerbung ein „Krimi aus einer Traumwelt, als hätte man Kafka und Borges gebeten, gemeinsam einen Detektivroman zu schreiben.“ Nun gut: Kafka, Borges – irgendwo wird auch der Vergleich zu Ray Bradburys Erzählungen herangezogen – da steigt der Erwartungsdruck für dieses Krimi-Fantasy-Science-Fiction-Mashup. Ob das für einen Debütanten so gut ist, bezweifle ich.

Allerdings hat „The Manual of Detection” einige gute Kritiken in den USA eingefahren (sicher, das heißt jetzt auch nix). Und die Überschriften des Romans wecken durchaus die Neugier: „Über das Beschatten“, „Über Betrug“ oder „Über das Bluffen“ sind Kapitel überschrieben. Erzählt wird die Geschichte von Charles Unwin, kleiner Angestellter einer großen Detektivagentur, der mit aufgespannten Schirm selbst bei Regen mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt. Als einer der Top-Detektive der Agentur vermisst wird, begibt sich Unwin auf die Suche nach dem Verschwundenen und diese Suche führt ihn in die fiesesten Ecken der Großstadt. Er trifft dabei auf allerlei merkwürdige Gestalten. Das „Handbuch für Detektive“ führt den Jungdetektiv durch die Unterwelt, in der er unter anderem auch in die Träume eines Mordopfers eindringen soll. Mashup eben, mit vielen Bezügen in die klassische Detektivliteratur.

Da draußen
The Manual of Detection – Homepage zum Buch
The Third Archive: Blog von Jedediah Berry