Alle Artikel des Monats: März 2010

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Brief an Cayetano Brulé, angehender Privatdetektiv, Valparaíso, Chile

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Niedersfeld, im März 2010

Sehr geehrter Señor Brulé,

vielen Dank für die abwechslungsreiche und atemberaubende Reise, die Sie in den gut 380 Seiten Ihrer Erzählung »Der Fall Neruda« zurückgelegt haben und auf die ich Sie lesend begleiten durfte. Von Valparaíso nach Mexiko-Stadt, Havanna, Ost-Berlin, Frankfurt am Main, La Paz, Santiago de Chile und immer wieder Valparaíso. Dies alles am Vorabend des Militärputschs in Chile im September 1973. Ich gestehe, dass ich aus meiner zeitlichen, räumlichen, ja und auch gesellschaftlichen Distanz zu Ihnen überrascht bin. All diese vielen Flugkilometer haben Sie zurückgelegt, um einem sterbenskranken Dichter einen letzten Wunsch zu erfüllen. Am Ende gehen Sie sogar dafür ins Gefängnis, denn während Sie nach einer verschwundenen Frau in all den fremden Städten suchten, spitzte sich die politische Lage in Chile zu. Kurz vor der Erfüllung Ihres Auftrags liegt der kranke Dichter im Sterben, wie der demokratische Sozialismus Salvadore Allendes. Der Totengräber Augusto Pinochet steht mit dem Spaten bereit. Am Tag des Putsches sind Sie auf einer Landstraße unterwegs, als Militärs Sie aufgreifen und mit vielen anderen in ein Gefängnis bringen. Tausende sind in jenen Tagen verschwunden und bis heute nicht wiedergekehrt. Sie hingegen hatten Glück, denn nach einigen Tagen wurden Sie wieder frei gelassen. Quälende Ungewissheit und viele offene Fragen müssen das bei all den vielen Angehörigen sein. Ungewissheit quälte auch Ihren kranken Dichter. War er bei einer seiner zahlreichen Liebschaften Vater geworden? Diese Frage sollten Sie, werter Señor Brulé, für ihn klären.

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Krimitipp | Adrian McKinty: Der sichere Tod

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Ungelesen, angelesen, quergelesen – Der Krimitipp des Tages | Adrian McKinty: Der sichere Tod
Der sichere Tod
Adrian McKinty: Der sichere Tod : Roman / Aus dem Amerikanischen von Kirsten Riesselmann. – Berlin : Suhrkamp, 2010
ISBN: 978-3-51846159-4 – Preis: 9,95 €

Beim heutigen Krimitipp öffnet mal wieder die Abteilung “Harte Jungs “ ihre Pforten. “Der sichere Tod“ ist der Auftakt zur “Dead-“Trilogie um den irischen Auswanderer Michael Forsythe. Der 19-jährige Michael kehrt dem vom Nordirlandkonflikt gezeichnete Belfast den Rücken, um sich als illegaler Einwanderer einer irischen Street Gang als Schläger und Mann für’s Grobe anzuschließen. McKinty, der von Kritikern in einem Atemzug mit Ken Bruen, Declan Hughes und John Connolly genannt wurde, jagt seinen Anti-Helden Michael durch die Straßen von New York, schickt ihn in den mexikanischen Drogenkrieg und am Ende liefert er ihm einen Showdown wieder in New York.

Für seine explizite Gewaltdarstellung wurde McKinty getadelt, andere Kritiker lobten seine Stilvariationen, die von Slang und Gangstersprache über irischen Tonfall bis hin zu poetischen Beschreibungen reichen. Wer sympathische Helden sucht, wird bei McKinty sicher enttäuscht werden, wer prügelnden Psychopathen etwas abgewinnen kann, dürfte seine Freude haben.

P.S.: Adrian McKinty bloggt übrigens unter http://adrianmckinty.blogspot.com/

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Krimitipp | Richard Stark: Der Gewinner geht leer aus

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Ungelesen, angelesen, quergelesen – Der Krimitipp des Tages | Richard Stark: Der Gewinner geht leer aus
Der Gewinner...Richard Stark: Der Gewinner geht leer aus : Ein Parker Roman / Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. – Wien : Zsolnay, 2010
ISBN 978-3-552-05497-0 – Preis: 16,90 €

Für die einen ist es Retro, für die anderen eine Wieder- oder Neuentdeckung: Seit 2008 gibt der Zsolnay-Verlag die Parker-Romane von Richard Stark alias Donald E. Westlake heraus. Vier Romane sind bislang in dieser Reihe erschienen, nun liegt der fünfte Band “Der Gewinner geht leer aus“ vor. Vielleicht doch ein ernsthafter Ansatz für Autorenpflege? Die Westlake/Stark-Fans dürften sich jedenfalls freuen und ein Parker-Roman ist immer ein lakonisches Krimivergnügen ohne Nebenwirkungen. Ein klassischer Antiheld, der es diesmal mit einer Bande von Berufsverbrechen zu tun bekommt, die sich offenbar übernommen haben. Wie man seine Leser in die Geschichte zieht, zeigt schon der erste Satz:

Als das Telefon läutete, war Parker gerade in der Garage und brachte einen Mann um.

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Brief an Michael Kelly, Privatdetektiv, Chicago

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Winterberg, im März 2010

Sehr geehrter Mr. Kelly,

zunächst möchte ich Ihnen mein Beileid zum Tode ihrer langjährigen Freundin Nicole aussprechen. Ihre Ermordung, deren Zeuge ich während der Lektüre Ihres ersten Falles „Preis der Schuld“ wurde, hat mich gerührt, so wie mich auch die gesamte Lektüre überrascht hat. Versprachen doch Klappentext und Pressestimmen einen „Raymond Chander für das 21. Jahrhundert“, einen Privatdetektiv in der Tradition von Sam Spade und Philip Marlowe. Gewiss, diese Tradition will ich Ihnen nicht absprechen, schließlich sind Sie Privatdetektiv in Amerikas Windy City, dort, wo auch zum Beispiel ihr weiblicher Gegenpart V. I. Warshawski ihrem Job nachgeht. Dennoch sind Sie ein wenig anders: Sie lesen Aischylos und Homer, die griechische Mythologie mit ihren blutigen Fehden ist Ihnen nicht unbekannt. Selbstverständlich tauchte bei mir während der Lektüre ihrer Geschichte einmal mehr die Frage auf, inwieweit griechische Dramen und Epen immer auch schon Kriminalerzählungen sind und ob wir letztlich nicht immer wieder in der Kriminalliteratur diese Erzählformen durch deklinieren. Die Verknüpfung, die Ihr geistiger Vater Michael Harvey da herstellt, ist auf jeden Fall ein interessanter Ansatz.

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Krimitipp | John Harvey: Der Kinderfänger

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Ungelesen, angelesen, quergelesen – Der Krimitipp des Tages | John Harvey: Der KinderfängerKinderfänger
John Harvey: Der Kinderfänger : Ein Fall für Charlie Resnick / Deutsch von Mechtild Sandberg-Ciletti. – München : dtv, 2010
ISBN 978-3-423-21202-1 – Preis: 8,95 €

Ob es an der zunehmend schlechter werdenden Qualität aktueller Krimiproduktion liegt? Immer öfter greifen Verlage ins Archiv und legen vergriffene Krimis wieder auf oder finden ältere Werke, die bislang noch nicht veröffentlicht wurden – so jedenfalls mein Eindruck. Mancher Kritiker mag in diesen Neuauflagen und Neuausgaben einen billigen Retro-Trend sehen, Krimileser wie ich hingegen freuen sich über das Wiedersehen mit altbekannten Figuren. Zum Beispiel mit Charlie Resnick, dessen Serie nie vollständig ins Deutsche übertragen wurde. In den 1990er Jahren hatte sich der Goldmann-Verlag an der Krimireihe um den polnischstämmigen Polizisten Resnick versucht. Leider sind nur fünf Romane aus dieser Serie, die eigentlich zwölf Bücher umfasst, ins Deutsche übersetzt worden.

Seit 2004 pflegt nun dtv das Werk von John Harvey. Begonnen hat man dort zunächst mit der Fank-Elder-Trilogie und nun kommen (hoffentlich) nach und nach die “alten“ und „neuen“ Charlie-Resnick-Romane (wieder) auf den deutschsprachigen Markt. Aktuell ist gerade “Der Kinderfänger“ (engl.: “Off Minor“) in einer vollständigen Neuübersetzung erschienen. Der Mord an der kleinen Gloria Summers und das Verschwinden der kleinen Emily Morrison stellen Resnicks Ermittlungsfähigkeiten auf eine harte Probe. Wie zerbrechlich familiäres Glück ist – Harvey zeigt es auf. f

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Briefe an Romanfiguren

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„Bücher sind nur dickere Briefe an Freunde“ – dieses Zitat von Jean Paul ist bekannt. Es führte mich zu einer Überlegung: Wenn Autoren uns Lesern dicke Briefe schreiben, dann könnten wir Leser doch auch zurückschreiben. Allerdings: Wohin soll ich meine Briefe schicken? Wo wohnen sie denn, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller? Da ich ernsthaft keine Lust habe, Telefonbücher und Adressverzeichnisse zu durchstöbern – und wer ist da schon zu finden? – und die Verlage kaum die Anschriften ihrer Autoren herausgeben (bei einigen Autorinnen und Autoren durchaus berechtigt), habe ich mir eine andere Lösung überlegt. Ich schreibe nicht an die Autoren, ich schreibe an die Romanfiguren. In der Regel weiß ich, wo die wohnen, nämlich im Buch. Veröffentlichen werde ich diese Briefe hier im Krimiblog, was das Porto spart und außerdem können Sie, wenn Sie mögen, mitlesen.

Foto:Lim Jerry – Fotolia.com