Alle Artikel veröffentlicht in ‘Vabanquespiel

Vabanquespiel: Zocken in der Leserhölle

Artikel

Die Unbesprochenen | Michael Ondaatje: The Cat’s Table

Hinterlasse eine Antwort

Michael Ondaatje: The Cat's TableUngelesen, angelesen, quergelesen Die Unbesprochenen – Der Buchtipp des Tages | Michael Ondaatje: The Cat’s Table. – London : Jonathan Cape, 2011. – ISBN 978-0-224-09361-3

Es muss im Frühjahr 2012 gewesen sein, als ich The Cat’s Table von Michael Ondaatje gelesen habe. Aufmerksam geworden bin ich auf das Buch, weil es damals für den Hammett Prize nominiert war, ihn allerdings nicht erhalten hat. Und damit wäre ich denn auch gleich bei der Frage, ob dies überhaupt ein Kriminalroman ist.

Ondaatje erzählt in seinem kurzweiligen Roman die Geschichte einer Überfahrt: Der elfjährige Michael reist in den 1950er Jahren von Colombo aus nach England, um dort zur Schule zu gehen. An Bord der „Oronsay“ trifft er auf zwei andere Jungen, mit denen er zusammen auf Entdeckungstour geht. Sie, die am „Katzentisch“ sitzen, beobachten, wie es vielleicht nur Kinder in dem Alter tun – neugierig, abwartend, skeptisch – die merkwürdige Welt der Erwachsenen. Dazu gehört der Pianist Mazappa, die geheimnisvolle Miss Lasqueti, ein Botaniker und ein schwindelnder Baron. Eines Nachts beobachten die Jungen, wie ein Strafgefangener, der in Ketten gelegt, über das Deck geführt wird. Die Neugierde der Jungen ist geweckt.

Die Überfahrt eines Schiffs als Übergang von der Kindheit zum Erwachsenen sein – das trifft es und doch greift es bei Ondaatje zu kurz. Denn es geht auch um unterschiedliche Kulturen, die hier aufeinander treffen. Tatsächlich ist das Krimi-Element zu vernachlässigen, vielmehr stehen die dichten Schilderungen, die knappe und doch bildstrke Sprache im Vordergrund. The Cat’s Table ist ein fesselnder Abenteuerroman mit drei Jungs, die ihre gemeinsame Reise nicht vergessen werden.

Artikel

Die Unbesprochenen | Megan Abbott: The End of Everything

Hinterlasse eine Antwort

end_of_everything_150Ungelesen, angelesen, quergelesen Die Unbesprochenen – Der Buchtipp des Tages | The End of Everything. – London : Picador, 2011. – ISBN 978-1-4472-0407-7 (E-Book)

Zusammen mit Autorinnen wie Gillian Flynn oder Sara Gran gehört Megan Abbott zweifelsohne zu den starken, neuen Stimmen der US-amerikanischen Kriminalliteratur. Nach ihren ersten Noir-Romanen wurde sie vor gut zwei Jahren mit ihrer Coming-Of-Age-Geschichte The End of Everything einem breiteren Publikum bekannt.

Evie und Lizzie erleben einen heißen Sommer in einer US-amerikanischen Kleinstadt. Dann verschwindet Lizzie eines Tages und Evie stellt sich Fragen. Nicht nur nach dem Verbleib von Lizzie, sondern auch, wie gut sie ihre Freundin wirklich kannte. Und Evie entdeckt ihre eigene, aufkeimende Sexualität in einer Schwärmerei für den Vater von Lizzie.

Abbott verdichtet hier in einer schwülen Atmosphäre Motive, die zu klassischen Elementen der Literatur gehören: Der Mythos des Erwachsenwerden, die Geheimnisse in einer Kleinstadt, das Hinterfragen einer Freundschaft und die ersten sexuellen Erfahrungen junger Mädchen. Das tut sie in einer ruhigen Sprache und mit elegant gezeichneten Bildern, die wie Momentaufnahmen aus einem Album erscheinen. Kitsch, der hier schnell zur Stelle wäre, fehlt völlig.

Was mir immer wieder auffällt: Die jungen Autorinnen, die den Rückzug ins Private nehmen, die Familie, die Kleinstadt. Große, politische Themen sind scheinbar nicht ihr Ding, dennoch sind hier – auch das Private ist politisch – größere Zusammenhänge erkennbar, die vor allem etwas zur psychologischen Situation einen Gesellschaft sagen. The End of Everything ist sicher eines dieser Bücher. gehört sicher zu dieser Art von Literatur, die im Kleinen einiges über das große Ganze aussagen und lohnt, entdeckt zu werden.

Wer übrigens lieber zur deutschen Übersetzung greifen mag: Isabel Bogdan hat den Roman vortrefflich ins Deutsche übertragen. Da heißt er übrigens Das Ende der Unschuld.

Artikel

Die Unbesprochenen | Daniel Stashower: Sir Arthur Conan Doyle

Hinterlasse eine Antwort

Daniel Stashower: Sir Arthur Conan DoyleUngelesen, angelesen, quergelesen Die Unbesprochenen – Der Buchtipp des Tages | Daniel Stashower: Sir Arthur Conan Doyle : Das Leben des Vaters von Sherlock Holmes. – Aus dem Englischen von Michael Ross und Klaus-Peter Walter. – Köln : Baskerville Bücher, 2008. – ISBN: 978-3-930932-04-7

Originalausgabe: Daniel Stashower: Teller of Tales: A Life of Sir Arthur Conan Doyle. – New York : Henry Holt & Co, 1999

An den Ostertagen bin ich durch meine Bücherregale flaniert. Welches sollten die Krimitipps in der „Ungelesen, angelesen, quergelesen“-Reihe werden? Plötzlich kam mir der Gedanke an all die durchaus gelesenen, aber unbesprochenen Bücher. Das soll es sein in dieser Woche: Die Unbesprochenen. Streichen Sie also bitte für die nächsten Tage das „ungelesen, angelesen, quergelesen“. Die Unbesprochenen habe ich gelesen, wenn auch oft vor einigen Jahren, nur habe ich sie noch nie vorgestellt. Deshalb jetzt – keine Rezension, keine Besprechung, nur eine Leseerinnerung. Willkommen beim Vabanquespiel!

Es muss 2009 gewesen sein, damals, als sich der Geburtstag von Sir Arthur Conan Doyle zum 150. Mal jährte. Kurz zuvor ist die Biographie Sir Arthur Conan Doyle : Das Leben des Vaters von Sherlock Holmes von Daniel Stashower in deutscher Übersetzung erschienen. An die Lektüre damals kann ich mich natürlich nur noch dunkel erinnern, aber es waren gute Lesestunden, die ich mit diesem Buch verbracht habe. Stashower war mir bereits als Autor von The Beautiful Cigar Girl: Mary Rogers, Edgar Allan Poe, and the Invention of Murder geläufig und auch dieses Buch mochte ich damals.

Stashowers Biographie zeichnet, wenn ich mich recht erinnere, ein zwiespältiges Porträt von Sir Arthur Conan Doyle, dem, wie es in der deutschen Unterzeile heißt, „Vater“ von Sherlock Holmes. Doyle, der Arzt, der so unglücklich mit seiner Berufswahl schien, der seine Holmes-Geschichten zunächst gerne geschrieben, dann aber leidlich unter ihnen gelitten hat, da sie ihm den Weg zum „ernsthafen“ Schriftsteller zu verbauen schienen. All das arbeitet Stashower in einer lebhaften Erzählung heraus, immer wieder belebt mit einfachen Begebenheiten aus dem Leben von Arthur Conan Doyle.

Dann aber auch Doyles Hang zum Übersinnlichen, seine ausufernden Phantasmen, seine Abgleiten in eine Art „Wahnsinn“. An all das kann ich mich jetzt, gute vier Jahre nach der Lektüre, noch erinnen – was ich als ein gutes Zeichen ansehe. Ebenso Doyles tief empfundenen Humanismus, seine Erlebnisse im Burenkrieg, wenn auch durchaus national gefärbt. Und schließlich die aufgeschobene Lektüreanregung, die diese Biographie ausspricht: Doyles vergessener, phantastischer Roman Die vergessene Welt.

In Zeiten, in denen jeder biographischen Begebenheit eines Autors nachgehechelt wird, sind solche ruhig und gelassen erzählten Lebensläufe, wie sie Stashower schreibt, eine Wohltat. Und sie strafen jene Kritiker lügen, die behaupten, Doyle sei in seiner Ästhetik und seiner Wirkung heute vernachlässigbar. Albernes Geschwätz, lesen Sie lieber diese Biographie – sie lohnt und klärt auf.

Artikel

Buchtipp | Viktor Pelewin: Tolstois Albtraum

Hinterlasse eine Antwort

Tolstois AlbtraumUngelesen, angelesen, quergelesen – Der Buchtipp des Tages | Viktor Pelewin: Tolstois Albtraum. – Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg. – München : Luchterhand Literaturverlag, 2013. – ISBN 978-3-630-87388-6
Originalausgabe: T. – Moskau : Eskmo, 2009

Nach einer ganzen Reihe von Krimis liegt wieder einmal ein Nicht-Krimi vor mir. Genauer gesagt eine Mischung aus wüster »Fantasy, Action, Comic, Horror und buddhistische Weltauslegungen«, folge ich der Besprechung von Gregor Ziolkowski bei dradio.de. Es geht um den Roman Tolstois Albtraum des russischen Autors Viktor Pelewin. Und der beginnt mit der Begegnung zweier Männer während einer Zugfahrt. Der eine steckt in einer Priesterrobe, der andere in einem feinen Stadtanzug. Und beide scheinen nicht die zu sein, für die sich ausgeben. Die Durchfahrt durch einen Tunnel verändert die Situation. Es geht in dem Roman um Identität, aber wohl auch, folgt man dem Klappentext, um die Vermengung von russischer Literaturtradition mit der Moderne. Und wer ist Tolstoi?

Mein ukrainischer Student, der Pelewin als einen der wenigen interessanten, zeitgenössischen russischen Autoren bezeichnete, warnt mich vor einer verwirrenden Lektüre. Prima, das wäre doch genau das Richtige für durchlesene Osternächte. Russische Ostern also? Oder doch lieber die Neuübersetzung von Krieg und Frieden? Klassikersehnsucht am Mittwoch.

Artikel

Krimitipp | Walter Mosley: All I Did Was Shoot My Man

Hinterlasse eine Antwort

All I Did Was Shoot My ManUngelesen, angelesen, quergelesen – Der Krimitipp des Tages | Walter Mosley: All I Did Was Shoot My Man : A Leonid McGill Mystery. – London : Riverhead Book, 2012. – ISBN 978-1-101-55231-5 (E-Book)

Der kleine Rundumblick über die Nominierungen für die diesjährigen Edgar Awards in der Kategorie Best Novel endet mit dem siebten und letzten nominierten Titel: All I Did Was Shoot My Man ist der vierte Teil der Leonid-McGill-Serie von Altmeister Walter Mosley. McGill, Mosleys schwarzer Privatdetektiv, den deutsche Leser aus Büchern wie Manhattan Karma kennen, will in seinem vierten Fall etwas gut machen.

Vor sieben Jahren erwischte Zella Grisham ihren Mann Harr Tangelo mit ihrer Freundin im Bett. Am vorherigen Wochende wurden über sechs Millionen Dollar bei einer Versicherungsgesellschaft gestohlen. Zella arbeitet gegenüber deren Büros. Zella erinnert sich nicht mehr daran, dass sie ihren Mann erschossen haben soll, bestreitet dies aber auch nicht. Belastend kommt hinzu, dass bei ihr Geld aus dem Überfall gefunden wird. Damals war Leonid McGill daran beteiligt, dass Zella hinter Gitter wandert, doch nun ist er von ihrer Unschuld überzeugt. Und er versucht, Unrecht wieder gut zu machen.

Sowohl Kritiker wie auch Leser in den USA zeigten sich von dem vierten Band angetan und erfreulicherweise ist für Juli auch die deutsche Übersetzung unter dem Titel Manhatten Fever angekündigt. Sollte ich solange warten?

Artikel

Krimitipp | Dennis Lehane: Live by Night

3 Kommentare

Live By NightUngelesen, angelesen, quergelesen – Der Krimitipp des Tages | Dennis Lehane: Live by Night. – New York : Harper Collins, 2012. – ISBN 978-0-06-220658-9

Meine kurze Reise durch die Nominierungen für den diesjährigen Edgar Award in der Kategorie Best Novel nähert sich dem Ende. Heute und morgen stelle ich die letzten beiden Titel vor und Dennis Lehanes Mafia-Roman Live by Night dürfte zu den Favoriten gehören.

»Some years later, on a tugboat in the Gulf of Mexico, Joe Coughlin’s feet were placed in a tub of cement.«

So beginnt der Roman, mit dem Lehane an sein erfolgreiches Epos The Given Day anknüpft. Es ist die Geschichte von Joe Coughlin, dem Sohn des berühmten Polizeichefs Boston. Doch Joe steht auf der anderen Seite: Er wird von einem Mafiaboss bezahlt und erfreut sich daran, ein Gangster zu sein. Der Roman spielt in den 1920er Jahre, die Zeit der Prohibition, und neben eben diesen stimmungsvollen Elementen soll Live by Night auch eine Liebesgeschichte sein. Kritiker lobten dieses sehr amerikanische Geschichte und Lehanes Prosa. Liegt ganz oben auf dem SUB.