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Gefangen in der Gegenwart

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Dominique Manotti: Letzte Schicht

Fernsehredakteuren in Nachrichtenredaktionen wird beigebracht, ihre Off-Texte – also die Texte, die die laufenden Bilder in einem Beitrag begleiten, erklären oder kommentieren – im Präsens zu verfassen. Auch wenn Geschehnisse geschildert werden, die in der Vergangenheit liegen (was bei nachrichtlichen Beiträgen der Regelfall ist), bleibt die Erzählzeit in der Gegenwart. Das soll zusammen mit der Kraft der Bilder Unmittelbarkeit und Nähe vermitteln. Der Zuschauer ist mittendrin statt nur dabei. Was für das Fernsehen nachvollziehbar sein mag, ist in der erzählenden Prosa für den Leser, nun sagen wir mal, anstrengend. Ein aktuelles Beispiel für eine solche anstrengende Lektüre ist der frisch übersetzte Roman “Letzte Schicht“ der französischen Historikerin und Gewerkschafterin Dominique Manotti. In diesem Roman, im Französischen bereits 2006 erschienen, zeigen die menschenverachtenden Methoden des modernen Kapitalismus, gepaart mit der kriminellen Energie von korrupten Beamten und Fabrikleitern, ihr hässliche Fratze: Mord, Vergewaltigung und Erpressung. Manottis Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit was das Setting und die Rahmenhandlung betrifft. Es geht um den Machtkampf im Zuge der Privatisierung des Rüstungsunternehmens Thompson und den Verkauf an den südkoreanischen Konzern Daewoo in den Jahren 1996 und 1997. Die realen Ereignisse, die wie ein Bühnenbild für die Krimihandlung wirken, liegen also schon länger zurück.

Dennoch erzählt die Autorin ihre Geschichte durchgängig im Präsens. Sie wirft dabei sowohl einen Blick auf die Führungsebene, in der ein abgekartetes Spiel zwischen Politikern und leitenden Angestellten läuft, um im großen Stil Subventionen zu kassieren, als auch auf die einfachen Leute in einem Werk in Lothringen, in dem Bildröhren hergestellt werden. Die Arbeitsbedingungen der Menschen – viele von ihnen sind Einwanderer – sind hundsmiserabel, die Unfälle häufen sich. Als die Arbeiterin Rolande Lepetit auf die Straße gesetzt wird, weil sie sich für eine verunglückte Kollegin eingesetzt hat und die Kunde von der drohenden Schließung des Werkes die Runde macht, kocht die Wut der Beschäftigten hoch. Das Werk wird von den Arbeitern besetzt. Als die Fabrik in Flammen steht, sind die Schuldigen schnell gefunden: Ein Arbeiter mit zwielichtigem Ruf soll das Feuer gelegt haben. Dabei ist er, wie seine Kollegen auch, nchts anderes als eine willige, dumme Marionette im Spiel der Mächtigen.

Das große Raubtier

Der Rüstungskonzern Matra erhält im Zuge der Privatisierung von Thompson zunächst den Zuschlag. Das gefällt dem Konkurrenten Alcatel überhaupt nicht. Kurzerhand wird der Privatdetektiv Charles Montoya nach Lothringen geschickt, um belastendes Material auszugraben. Nicht nur die brennende Fabrik, auch der vertuschte Subventionsbetrug könnte Matra in Bedrängnis bringen. Das dabei beide Parteien über Leichen gehen, gehört zum Geschäft – auch des Kriminalromans und der Krimiautorin. Die kleinen und großen Schweinereien gedeihen – müssen in dem realen Setting der Autorin sogar gedeihen, denn eine Wahl scheint niemand zu haben. Die aufmüpfige Arbeiterin Lepetit, der ortsansässige Kommissar oder der Fabrikleiter – sie alle sind Opfer des großen Raubtiers, das das Schicksal Einzelner lenkt. Die Auswüchse des modernen Kapitalismus – bei Manotti werden sie greif- und erfahrbar, auch wenn die Mordrate im Roman dann doch recht hoch erscheint. Alkoholismus, Depression, andere Krankheiten bis hin zu Selbstmord dürften da in der realen Welt eher der Preis sein, den die zahlen müssen, die für das Bruttosozialprodukt ausgebeutet werden.

So eindringlich und auch spannend Manottis Roman an vielen Stellen ist, es bleibt das große Manko der Gegenwart. Der Wahl des penetranten Präsens scheint so, als würde Manotti der Wucht und Kraft ihrer Geschichte, ihrer Figuren und ihrer Bilder – ich denke da zum Beispiel an einen geköpften Ingenieur gleich zu Beginn des Romans – nicht über den Weg trauen. Die Gegenwartsform kehrt somit leider die Geschichte ins Gegenteil: Statt klarer, fesselnder Struktur gibt es eine erzählerische Überblendung, die letztlich bei der Lektüre nur noch nervt. So wird aus dem Roman eine hochgezüchtete Studie über den mörderischen Kapitalismus und der immer schneller werdenden Globalisierung. Gefangen in der Gegenwart lässt die Autorin ihren Lesern keinen Freiraum zum Innehalten, zum Abstand, zur Reflexion – was bei diesem Thema sehr notwendig gewesen wäre. Statt dessen rauschen wie in einem schnell geschnittenen Vidoeclip Bilder und Figuren an einem vorbei, ein hochgestylter Wirtschaftsthriller, der allerdings recht schnell wieder vergessen ist. Schade.

Dominique Manotti: Letzte Schicht / Aus dem Französischen von Andrea Stephani. – Hamburg : Argument Verlag, 2010
ISBN 978-3-86754-188-6 – Preis 12,90 €

Originalausgabe:
Dominique Manotti: Lorraine Connection. – Paris : Éditions Payot & Rivages, 2006
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Da draußen
Homepage von Dominique Manotti
Dominique Manotti in der Wikipedia
Paris bündelt Rüstungsindustrie – Artikel zur Privatisierung von Thompson in der „Welt“

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Willkommen auf der Meta-Ebene

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Blut ist ein Fluss
Guido Rohm: Blut ist ein Fluss

Das Dauergekreische der Kritiker nach “Realismus“ im Kriminalroman kotzt mich an. Wenn ich Realismus will, geh‘ ich auf die Straße, laufe durchs Einkaufszentrum, fahre nach Hamburg-Neuwiedenthal oder hocke mich für einen Tag in den Warteraum der ARGE. Soviel Realismus erträgt keiner, erst recht nicht die Sesselpupser aus den maroden Feuilletonbruchbuden. Das immer mehr Autoren und Autorinnen dem Ruf der kritisierenden Kaste folgen und dabei in die Kolportagefalle tapsen, ist das Problem dieser Tölpel. Erfrischend hingegen, wenn es Autoren gibt, die auf diese ganze Realismus-Kacke pfeifen und sich – frei nach Pippi Langstrumpf – ihre Welt so machen, wie sie ihnen gefällt. Dafür sind sie schließlich Schriftsteller geworden.

Wieviel Pippi Langstrumpf in Guido Rohm steckt, kann ich nicht beurteilen. Gewieft aber, dass er sich in seinem Roman “Blut ist ein Fluss“ eine reale Figur erschaffen hat, seinen Schriftstellerkollegen Tom Torn, der unter anderem durch seine Romane „Jenseitsmusik“und „Der gute Polizist“ Kultcharakter erlangt hat, jedenfalls, wenn es nach seinem deutschen Verlag geht. Das Problem: Die Realismus-Junkies aus den Kulturghettos sind mit so viel kunstvoller Roman-Realität überfordert, weshalb sie das Buch von Guido Rohm erst gar nicht angefasst haben. Solche Meta-Romane – denn darum handelt es sich bei “Blut ist ein Fluss“ – sind vermutlich zu fiktiv, zu unrealistisch, zu postmodern. Dabei beginnt Rohms Roman mit einer eleganten und klugen Betrachtung über den Wirtschaftszweig Kriminalität, die eigentlich jeder Krimikritiker gelesen haben sollte. Ein verurteilter Mörder sinniert darin über diejenigen nach, die mit Verbrechen ihre Brötchen verdienen – und das sind auch Krimi-Kritiker.

Reaktionäres Arschloch

Ein Prolog, der den Leser anschließend in kleines US-amerikanisches Kaff am Fluss katapultiert, in dem ein Serienmörder Schlachtfest feiert. Geschrieben wird diese Geschichte von eben jenem Tom Torn, einem saufenden und fickenden Literaturmonster. Seine Motive und Bilder, die Torn entstehen lässt, sind alte Bekannte: eine einsame Gegend (ich würde auf die Südstaaten tippen), eine Scheinidylle, kaputte Familienverhältnisse, häusliche Gewalt, derbe amerikanische Landbevölkerung. All das sind Referenzen, die von Mark Twain über Jim Thompson hin bis zu Joe R. Lansdale reichen. Und James Ellroy, dessen wirre Verschwörungsorgie “Blut will fließen“ erst kürzlich dafür sorgte, dass den Herrschaften der Kritiker-Zunft einer nach dem anderen abging. Die alten Männer kriegen schon einen Ständer, wenn sie nur Kennedy, Hoover, Nixon und CIA lesen. Eine Randbemerkung, die dennoch erwähnt werden soll, da sich Rohms Roman-Titel “Blut ist ein Fluss“ auch als ein elegant platzierter Seitenhieb auf Ellroys letzten, arg dämlichen Titel lesen lässt.

Zurück zu Tom Torn, der seine Geschichte vom Serienkiller, der natürlich der örtliche, brave Bulle ist, quasi vor den Augen des Lesers nieder schmiert. Das nennt man dann wohl die Meta-Ebene, auf der nicht nur über das Schreiben von Kriminalromanen gegrübelt, sondern vor allem der widerliche Literaturbetrieb – ein Hort des Verbrechens – entblößt wird. Das Tom Torn dabei als reaktionäres und arrogantes Arschloch so manchen Sympathiepunkt einfährt, wundert nicht wirklich. So entwickelt sich eine faszinierende Parallelhandlung – düstere Krimihandlung hier, finsteres Autorendasein dort – die einem minderbegabten Krimiautor leicht entgleiten könnte, bei Guido Rohm, der über ein außerordentliches Gespür für Zeit und Dramatik verfügt, jedoch bestens aufgehoben ist und auf allerfeinste Art verwoben wird.

“Blut ist ein Fluss“ ist einer der wenigen, gelungenen Meta-Kriminalromane, der in seiner ganzen Dunkelheit ein echter Lichtblick in dem tristen Allerlei der derzeitigen Produktion darstellt. Rohms Entdeckung von Tom Torn ist ein wertvoller Fund für jene deutschsprachige Kriminalliteratur, die mehr will, als albernes Regiogedöns oder nervtötendes Psycho-Geschwafel. Als Autor ganz seiner Fiktion verpflichtet, hat Rohm zudem einen echten Internet-Roman geschrieben – auch wenn dies nicht gleich für jeden erkennbar sein dürfte. Kurz: Hier darf ich nach Herzenslust Leser sein, weil Rohm ein wahrhaftiger Autor ist, der alle möglichen Formen der Literatur nutzt. Er ist nicht einer dieser Schriftstellerdarsteller, auf den die Feuilletonisten so gerne reinfallen.

Guido Rohm : Blut ist ein Fluss : Roman. – Frankfurt am Main : Seeling Verlag, 2010
ISBN 978-3-938973-12-7. – Preis: 12 €
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