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Vier Frauen und drei Morde

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Scheiterhaufen von Derek Nikitas
Derek Nikitas: Scheiterhaufen

„Als sie ihre Augen öffnete, um zu sehen, war ihr Blick vollkommen klar. Sie sah Quinn zusammengesackt vor der Kiefer, der Schnee um ihn herum war rot getränkt, als seien dort Kochtöpfe mit Blut ausgeschüttet worden. Sein tätowierter Arm war an der Schulter abgeschnitten und aus der großen breiigen Wunde regnete es Blutfäden. Sein Gesicht war aschgrau, der Schatten des Todes war bereits da. Sein Arm selbst war verschwunden, und das schien von allem am Seltsamsten.“

Solche Schlacht- und Mordszenen bleiben einem nach der Lektüre von Derek Niktias Debütroman “Scheiterhaufen“ durchaus im Gedächnis. Ist das nun widerlicher Splatterkitsch oder gekonnte, drastische Zuspitzung einer Situation, in die die fast 16-jährige Luc geraten ist. Sie, die Hauptfigur des Romans, wird Zeugin des Mordes an Quinn, dem Jungen, den sie fast geliebt hätte und der sie so übel hintergangen und verraten hat. Beide sind in die Fänge einer Rockerbande geraten, und es ist klar, dass es neben Quinn noch weitere Tote geben wird.

Gewaltexzesse unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen, bei Nikitas liefern sie den Kern für eine Geschichte von vier Frauen und drei Morden. Den ersten Mord erlebt Luc als überraschte Zeugin im Auto ihres Vaters. Als ein Typ Oscar Moberg kaltblütig auf einem Parkplatz abknallt, gehen Luc und auch die ermittelnde Polizistin Greta zunächst von einem Raubmord aus. Doch dann wendet sich das Blatt: Luc entdeckt 5.000 Dollar im Haus ihrer Eltern – Geld, das ihre Mutter Blair vermutlich als Belohnung für den Auftragsmord an ihrem Mann versteckt hält. Damit nicht genug: Blair stürzt sich von einer Klippe, doch ihr Selbstmordversuch misslingt. Fortan leidet sie unter einer Amnesie, erinnert sich kaum noch an Luc. Plötzlich ist die 16-Jährige auf sich gestellt und sucht Zuflucht beim Nachbarjungen Quinn.

Doch der scheinbar coole Quinn handelt im Auftrag einer Rockerbande, deren Anführer Mason, zusammen mit seiner hochschwangeren Freundin Tanya, Luc entführt, um an das noch fehlende Geld zukommen. Ein Albtraum für die 16-Jährige, die in einer Hütte versteckt gehalten wird. Tanya, das Leben in tristen Trailer-Parks gewöhnt, passt auf sie auf und träumt von einem besseren Leben mit ihrem Baby, dessen Geburt kurz bevorsteht. Und das ist nicht das einzige Problem, mit dem sich Tanya herumschlagen muss: Plötzlich taucht der Verräter Quinn auf – sein Todesurteil. Unterdessen rücken die Polizistin Greta und ihrer Kollegen den Rockern immer mehr auf die Pelle – bis es zum schaurigen Showdown in verschneiter Landschaft kommt.

Vom Backfisch zur Mörderin

Viel Brutalität, viel Gleichgültigkeit, viel Trostlosigkeit – auf diese Worte kann man Lucs Geschichte, die zugleich auch die Geschichte von ihrer Mutter Blair, der Polizistin Greta und der Rockerbraut Tanya ist, zusammenfassen. Nikitas Roman ist durchweg düster und dicht – bis zu einem Ende, das nicht so wirklich zu einem knallharten Noir-Roman passen will. Seine Qualität zeigt er immer da, wo der Autor ausblendet, wo er Raum für die Bilder des Lesers lässt, wo oft nur einzelne Sätze einen ganzen Film ablaufen lassen können. Das geschieht leider zu selten in diesem Roman. Gerade die Mordszenen – sei es der Mord an Lucs Vater, sei es das Abschlachten von Quinn – beschreibt Nikitas zu deutlich, zu genau und nimmt damit seiner Erzählung den Atem. Andeutungen, Striche, Lücken – all das hätte den Roman intensiver wirken lassen.

Dabei ist Nikitas durchaus ein Erzähler, der etwas zu sagen hat. Allein, dass er in seiner “Coming-of-Age“-Geschichte – was man im Deutschen wohl noch am ehesten mit einem Bildungs- oder Entwicklungsroman vergleichen könnte – vier Frauen in den Vordergrund stellt, ist bemerkenswert. Eine solche Zusammenstellung findet sich bei dieser Art von Literatur nämlich eher selten. Auch sein nüchterner, fast kalter Stil, der seine Figuren mehr durch ihre Gedanken und Gespräche zeichnet, als durch Beschreibungen eines allwissenden Erzählers, kann überzeugen. Die hinterhältige Dramatik, die er seiner Geschichte verpasst, die eine oder andere Wendung, die er geschickt einbaut, spricht dafür, dass Nikitas ein kluger Dramatiker ist. Weiterer Beweis ist die Figur Luc, die zunächst wie ein typischer Backfisch erscheint, gelegentlich CDs klaut, dann Zeugin am Mord ihres Vaters wird, schließlich den Tod ihres Verräters herbeisehnt und dann selbst zur Mörderin wird – das ist schon eine Entwicklung, die man in klassischen Bildungsromanen eher selten liest. Allein, das arg kitischige Ende, das so wirkt, als sei es für einen US-amerikanischen Mainstream-Film ausgedacht, nimmt dem Roman die Wucht.

Was als durchaus provozierende Story beginnt, die einen klaren Blick auf das Leben in amerikanischen Kleinstädten und in den furchtbaren Wohnwagensiedlungen wirft, verkümmert zum Schluss zu einer rührseligen Vier-Frauen-Geschichte.

Derek Nikitas: Scheiterhaufen/ Übersetzt aus dem Amerikanischen von Jens Seeling. – Frankfurt am Main : Seeling Verlag, 2010. –
ISBN 978-3-938973-11-0 – Preis: 15 €

Originalausgabe: Derek Nikitas: Pyres. – New York : St. Martin Minotaur, 2007

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Dennis Lehane: Im Aufruhr jener Tage

Die Literatur-Etikettierer dürften an dem letzten Roman von Dennis Lehane große Freude gehabt haben. Ein historischer Polizeiroman, ein historischer Amerikaroman, ein historischer Roman einer Männerfreundschaft, ein historischer Gesellschaftsroman, ein historisches Familienepos – all das und vermutlich noch mehr ist “Im Aufruhr jener Tage“. Was auch immer davon genau zutreffen mag – es ist vor allem ein dicker Roman mit seinen 758 Seiten in der deutschen Übersetzung. Nun waren diese 758 Seiten recht flott zu lesen – dennoch bleibt mein Grundproblem mit historischen Romanen: Meine Unlust, die permanente Abgrenzung zwischen Fiktion und historischen Fakten zu überprüfen. Sprich: Ich habe in der Regel keine Lust, an einer Geschichtsstunde teilzunehmen, die ich mir zudem selbst halten muss.

Bei Lehane tritt dies Problem schon mit einer Randfigur des Romans auf: Die beiden Hauptstränge der Erzählung, angesiedelt rund um den historisch verbürgten Polizeistreik in Boston im Jahre 1919, sind eingebettet in schlaglichtartige Berichte des ebenfalls historisch verbürgten Baseballspielers Babe Ruth. Streik, Politik, Gewalt – alles Teil eines großen, amerikanischen Spiels, vor dem ich in der Tat etwas ratlos stand. Sich auch nur die Grundregeln des Spiels anhand eines Romans, der in dem Fall so gar nicht weiterhalf, anzueignen, scheiterte. Auch die Erklärungen in der Wikipedia oder ähnlichen Nachschlagewerken, waren nicht von Erfolg gekrönt. Was ein Home Run ist, was ein Pitcher zu tun hat und wie ein Base Stealing funktioniert – ich ahne es nur. Zuletzt stand ich bei einem Roman von Stephen Fry – ich glaube, es war “Der Lügner“ – vor einem ähnlichen Problem. Darin wird Cricket gespielt – ebenfalls eine Sportart, deren Regeln mir auch nicht in Ansätzen erklärbar sind. Im Falle von Lehane mögen mir so manche Anspielungen, die es gleich zu Beginn des Romans während eines zufälligen Spiels zwischen einer schwarzen und einer weißen Mannschaft gibt, vielleicht durch die Lappen gegangen sein. So ist das bei historischen Romanen: Ständig wälzt man sich in den Geschichtsbüchern, sucht im Internet und fragt sich: Was ist Fiktion, was ist Fakt, wo linkt mich der Autor – und was mache ich um Himmelswillen hier eigentlich?

Bombenstarke Anarchisten

Warum lese ich nicht einfach? Will ich mich nicht auf die Geschichte konzentrieren, die mir Dennis Lehane hier auftischt? Immerhin hat er sie selbst als seinen “großen, weißen Wal“ bezeichnet und sich somit schon auch in die Nähe des wirklich großen Herman Melville gerückt. Ironie oder Größenwahnsinn? Bei einem Autor wie Lehane ist das nicht so leicht zu sagen. Sein Roman jedenfalls wirkt eher wie ein gut gedichtetes, in die Breite geschriebenes Treatment für ein mögliches Drehbuch. So filmisch und bildstark können vermutlich nur die Autoren schreiben, die die Nähe zu Hollywood verspüren. Und so sind sie auch sehr plastisch, seine beiden Anti-Helden: Der schwarze Luther Laurence, Kleinganove und Hausdiener, und der weiße, irischstämmige Danny Coughlin, Sohn des Captains des Boston Police Departments. So weit ihre Welten durch Herkunft und Rasse zunächst auseinander liegen, der Zufall bringt sie zusammen. Luther flieht, nachdem er einen Gangsterboss getötet hat, quer durchs Land und findet schließlich im Hause des Captains eine Anstellung.

Hier nun kreuzen sich die Wege der beiden Männer, die tatsächlich so etwas wie eine Freundschaft verbindet. Der Rest ist die übliche, wenn auch bildstarke Staffage aus den historischen Breitwandschinken. Politische Unruhen, in die Danny verwickelt wird – er soll die Gewerkschaftsbewegung innerhalb der Polizei aushorchen und letztlich hochgehen lassen, wechselt aber die Seiten und stellt sich somit auch gegen seinen Vater – gehören ebenso zur Romanausstattung wie der verbreitete Rassismus, gegen den Luther versucht, sich aufzulehnen. Dann dichtet Lehane natürlich für jeden der beiden Männer noch eine traurig-tragische Liebesgeschichte hinzu: Luther, der seine hochschwangere Frau bei seine Flucht zurück lassen musste, Danny, der sich nicht standesgemäß in ein Dienstmädchen verliebt, das zudem schon mal verheiratet war. Ist das kitschig? Mag sein, es gehört aber irgendwie dazu – alles andere hätte mich schon enttäuscht.

Und dann natürlich das unvermeidliche Schlachtengetümmel, das historischen Schmökern so eigen ist. Keine römischen Sandalenträger, keine scheppernden Ritterrüstungen – nein, es sind die streikenden Polizisten, die sich hier gegenseitig abschlachten dürfen. Dazu noch fiese, bombenstarke Anarchisten – da blitzte in der Tat die Gegenwart mit ihren islamischen Terroristen auf – die sich auf ganz perfide Weise das Vertrauen von Danny erschleichen. Das ist Drama, das ist Geschichte, das ist Pop(corn)-Literatur. Das macht Spaß, das liest sich flott, das tut nicht weh. Man lernt sogar etwas, zumindest, wenn man die Geschichtsbücher daneben liegen hat. Einen großen, weißen Wal habe ich hingegen nicht entdecken können – obwohl man im Hafen von Boston durchaus auf Whale-Watching-Tour gehen kann.

Dennis Lehane: Im Aufruhr jener Tage : Roman / Aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff. – Berlin : Ullstein, 2010
ISBN 978-3-550-08754-7 – Preis 22,95 €

Originalausgabe:
Dennis Lehane: The Given Day. – New York : William Morrow, 2006

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