Wie und ob man sich über die furchtbaren Ereignisse in Oslo und Utøya äußern will, bleibt jedem selbst überlassen. Bei mir lösen solche Taten stummen Schrecken aus, ein stilles Innehalten. Trauer und Wut – ja, aber darüber muss ich nicht viel sprechen oder schreiben. Das ich es heute doch tue, hat einen traurigen Anlass.

Im verwahrlosten Literaturteil des Online-Mediums sueddeutsche.de – verwahrlost deshalb, weil dort nur sporadisch Texte eingestellt werden, Axolotl Roadkill und Helene Hegmann gelten dort immer noch als Top-Schlagwörter, obwohl die feuilletonistische Karawane längst weitergezogen ist – in dieser publizistischen Ramschecke veröffentlichte Thomas Steinfeld am 25. Juli 2011 als Reaktion auf den Massenmord in Oslo und Utøya einen Text, der sich mit der prophetischen Gabe skandinavischer Kriminalautoren beschäftigt. Es ist ein dummer und widerlicher Text.

Wie sinnvoll und pietätvoll es ist, so kurz nach den Ereignissen, die noch nicht einmal eine Woche zurück liegen, über Kriminalliteratur und realen Massenmord zu schwadronieren, mag dahin gestellt bleiben. Ich halte das für überflüssig, wie die meisten Diskussionen über den Einfluss von Fiktion auf die sogenannte Realität. Aber nehmen wir an, Thomas Steinfeld sieht zu diesem Zeitpunkt, wo noch längst nicht klar ist, was da passiert ist – vermutlich wird das nie wirklich klar werden – die Notwendigkeit für eine solche Auseinandersetzung. Was aber hat er da vorzuweisen? „Die Heimsuchung des moralisch und ästhetisch Intakten, und gerade die schlimmste, ist eines ihrer bevorzugten Sujets.“ Und das „ihre“ bezieht sich explizit auf skandinavische Kriminalschriftsteller.

Was für eine Dummheit! „Die Heimsuchung der Idyllen“, wie der Text überschrieben ist, gehört zu einem Grundmotiv der Kriminalliteratur. Von den englischen Landhauskrimis einer Agatha Christie bis hin zu den deutsch-dämlichen Regionalkrimis der Jetztzeit – „friedliche, schöne Welt und grenzenloser Schrecken“, wie es bei Steinfeld pathetisch heißt, bilden schon immer die für spannende Dualität der Krimis. Das jene Idyllen unterschiedliche gesellschaftliche Strukturen aufweisen – hier etwa die klassenbewusste Dorfgemeinschaft in England, dort der sommerliche Fjord in einem fürsorglichen Sozialstaat – braucht wohl nicht betont zu werden. Zu dieser Differenzierung ist Steinfeld nicht fähig.

Eine kleine Insel

Statt dessen folgt eine Aneinanderreihung von Allgemeinplätzen, die er sich nicht einmal selbst ausgedacht hat, sondern aus einem Essay des englischen Autors Tim Parks klaut. Parks Text „The Moralist“ erschien am 9. Juni 2011 in der New York Review of Books, beschäftigt sich mit der “Millennium-Trilogie” von Stieg Larsson. (und wird natürlich nicht von sueddeutsche.de verlinkt, obwohl der Text online abrufbar ist). Parks analysiert darin ausführlich die beiden Hauptfiguren von Larsson, Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist, diskutiert biblische Bezüge und erörtert die Gegensätzen zwischen Geheimorganisationen, Verschwörern sowie bürokratischen Staaten auf der einen und dem Einzelnen auf der anderen Seite auf. Allerdings nicht beschränkt auf skandinavische Autoren, sondern Parks führt als Beispiele Umberto Ecos „Das Foucaultsche Pendel,“ und Dan Browns „Sakrileg“ an. Sowohl literarisch wie auch in Bezug auf Gesellschaften erweitert Parks sein Blickfeld und versucht sich in einer Einordnung der Romane von Larsson in einen größeren Kontext. Steinfeld hingegen verengt den den Blick geradezu auf die kleine, idyllische Insel in Norwegen – weil es ins Bild passt.

Was Steinfeld dann nicht in den Bücher von Larsson oder Mankell findet – weil sie es schlicht nicht hergeben – jubelt er seiner „Argumentation“ anhand von Nebensächlichkeiten unter. Da müssen die deutschen Übersetzungstitel “Verblendung”, “Verdammnis” und “Vergebung” sowie die Cover der deutschen Mankell-Ausgaben, die oft „barocke Darstellungen von Fegefeuer und Höllenqualen“ zeigen, herhalten. Nur was will er damit sagen? Will er überhaupt etwas sagen? Oder geht es hier nur darum, mit ein paar Schlagworten einen Bezug zu der kruden Weltsicht des Anders Behring Breivik herzustellen?

„In der Darstellung solcher Verhängnisse und, mehr noch, in der Schilderung der gewaltsamen Befreiung daraus erfüllen viele skandinavische Kriminalromane eine bemerkenswert soziale Aufgabe: In der Fantasie werden die der Gemeinschaft schädlichen Elemente erkannt und wirkungslos gemacht. So gesehen, sind diese Bücher immer auch Träume von Erlösung, und wenn die Gewalt – und gerade auch: die exzessive Gewalt – in ihnen eine so große Rolle spielt, hat damit zu tun, dass die Erlösung um so leuchtender ausfällt, je schrecklicher die Verdammnis zuvor war.“

Auch hier wird wieder etwas auf Skandinavien herunter gebrochen, was selbstverständlich auch für englische, amerikanisch oder französische Kriminalliteratur gilt. Es ist und bleibt ein Grundmotiv, das in vielen Kriminalromanen unterschiedlichster Art zu finden ist.

Wie tief Thomas Steinfeld in seiner Dummheit sinkt, zeigt er im schwülstigen Schlusswort seines Artikels. Der Wahn des Attentäters liege nicht in seinen Weltanschauungen, sie liege „in seiner Entschlossenheit, diese Beweggründe in eine fantastische Weltanschauung aus Verschwörung und Verdammnis zu fassen – und sich selbst für den dunklen Erlöser, für den Vollstrecker eines Jüngsten Gerichts und den notwendig schrecklichen Boten einer neuen Ordnung zu halten. Und zur Tat zu schreiten.“ – Was für ein distanzloser, hingeschmierter Dreck, der dem mutmasslichen Massenmörder Anders Behring Breivik genau das gibt, was er will: Anerkennung und Aufmerksamkeit als das, was er sein will.

Das ist ein ganz schlechter Krimi.

Bildquelle: The Norwegian flag by Rotorhead via stock.xchng

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Ein Beitrag von Karl Ludger Menke

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