Das tägliche Drama | Folge 8

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[dropcap style="2" size="3"]W[/dropcap]as soll ich sagen? Keine Zeit ist keine Zeit ist keine Zeit.

Seit letzter Woche laufe ich jeden Morgen an einer Kampfansage vorbei. Schlechte Zeiten für Kultur in Hamburg. Altonaer Museum dicht, Kürzungen beim Schauspielhaus, Kürzungen bei den Bücherhallen (für alle Nicht-Hamburger: Das sind unsere öffentlichen Bibliotheken). Alles Einrichtungen, die sehr nah an den Menschen sind. Das Altonaer Museum ist ein beliebter Ort für Familien mit Kindern, das Schauspielhaus bietet erschwingliche Theaterabende und die Bücherhallen, die sowieso schon miserabel ausgestattet sind, werden künftig noch mehr vor sich hin darben. Dabei sind genau dies die lebensnotwendigen Orte für Kultur und Bildung in der Stadt. Hier findet die kulturelle Grundversorgung der Menschen statt – nicht in einem Prestigeobjekte wie dem Millionengrab Elbphilharmonie. Aber hochsubentionierte Galakonzerte mit Elbblick und Elitepublikum sind für einen Bürgermeister sicher medienwirksamer als kleine Museen und Bibliotheken. Dafür bleibt uns ja das Polizeiblasorchester erhalten – weil der Bürgermeister es so will.

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Hyper, Hyper: Kommen wir zu dem zur Zeit wohl wichtigsten Krimi, der durch den Blätterwald gepustet wird. “Tage der Toten” von Don Winslow. Bei unserem Lieblingskrimibuchladen “Hammett” ist man begeistert (“Jahrzehntroman”), Thomas Wörtche schreibt von “Don Winslows opus magnum.” und Tobias Gohlis blurbt und hypt – wie es sich für den König der Klappentexte gehört – sogar was von “Krieg und Frieden” herum. Hängen wir es ein wenig tiefer, atmen einmal tief durch, und lesen dann das Interview, das Don Winslow Peter Körte für die FAZ gegeben hat und schauen bei der Gelegenheit auch noch mal auf die Rezension von Körte, ebenfalls in der FAZ.

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Der Regionalkrimi und der Hausmeister: Helmut Höge ist der Aushilfshausmeister der Taz-Blogs. In unregelmäßigen Abständen veröffentlicht er in seinem Blog etwas zu Regionalkrimis. Bisher erschienen: Folge 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13. Okay, diese Zusammenstellung war eher eine Qual als eine Freude und spricht – rein technisch – dafür, dass sie bei der Taz nicht so ganz begriffen haben, wie das so geht mit dem Bloggen und Taggen und so. Dennoch: In dieser Phänomenologie hat der Regionalkrimi endlich seine würdige pseudowissenschaftliche Entsprechung – ich sage nur “Euterpflege” – gefunden, die eben nichts anderes als eine literaturhistorische Verirrung ist. Höge schreibt so schlecht, dass es schon wieder gut ist. Inhaltlich nicht immer falsch, bleiben Höges Texte stilstisch eine Zumutung. Aber das ist man beim Regionalkrimi gewöhnt.

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Snobs: Val McDermid mag Dorothy L. Sayers nicht. Das musste mal gesagt werden und muss festgehalten werden. Dennoch räumt sie dem Klassiker “Gaudy Night” den Platz 10 in ihrer Liste der 10 besten/überragendsten/erstklassigsten Oxford-Romane ein (“top” ist so ein unklarer Begriff). Nein, und da steht auch nicht ein Krimi auf dem ersten Platz, sondern Evelyn Waughs “Brideshead Revisited“. Aber immerhin sind auch Colin Dexter, Edmund Crispin, Ian Pears und Michael Dibdin vertreten. Und wer immer noch nicht weiß, wer diese Val McDermid ist und was sie mit Oxford zu tun hat, der lese die Besprechung ihres aktuellen Romans.

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Im Hafen: Nicht nur Hamburg feiert ein “Harbour Front Festival”, auch im fernen Toronto gibt es ein solches Festival. Das Erfreuliche: Dort gibt es auch einen Literaturpreis und den hat in diesem Jahr Peter Robinson gewonnen. Gratulation!

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Schütteln: Wie sieht die Zukunft des Buches aus? Wie werden in der Zukunft Geschichten erzählt? Wie es hoffentlich nicht aussieht, zeigt Keith Stuart in seinem Beitrag “Is interactive fiction the future of books?” beim Guardian. Die Design-Berater IDEO haben ein Video produziert, in dem drei E-Reader-Applikationen vorgestellt werden: Nelson, Coupland und Alice. Für’s Fiktionale ist – wie kann es anders sein – Alice zuständig. So soll man etwa beim Lesen eines Krimis durch Schütteln des Readers neue Hinweise bekommen, weil sich dann der Text auf dem Schirm ändert und Buchstaben “herunter fallen”. Oder neue narrative Stränge öffnen sich nur, wenn man an einem bestimmten Ort ist. Oder Romanfiguren schicken dem Leser eine E-Mail. Ich möchte das nicht.

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Lächerlich: Wenig überzeugt zeigt sich Tom Lappin vom angeblichen Großmeister James Ellroy, dessen Autobiographie “The Hilliker Curse – My Pursuit Of Women” jetzt erschienen ist. “It might be a statement of the obvious, but James Ellroy isn’t half as cool as he thinks he is.” schreibt Lappin bei “Herald Scotland”. Tja, und widersprechen mag man ihm da nicht.
Weitere Besprechungen gibt es übrigens beim Telegraph, in der Los Angeles Times, im Guardian und in der Daily Mail.

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Schatten und Geister: Bei “The Guardian” lobt Michel Faber die Comic-Adaptation von Joseph Conrads “Herz der Finsternis” durch Catherine Anyango und David Zane Mairowitz. Allerdings stellt er fest, dass der Comic im direkten Vergleich verblasst gegen zwei Meisterwerke in anderer, medialer Form: Conrads Erzählung selbst und Francis Ford Coppolas Filmadaptation “Apocalypse Now”.

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Für den Moment verabschiede ich mich damit wieder in die Geisterwelt.

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Wer war es? Der Ludger Menke

human since 1966 | librarian since 1992 | dj since 1994 | online editor since 1999 | blogger since 2005 | t.b.c.

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