Ungelesen, angelesen, quergelesen – Der Krimitipp des Tages | David Morrell & Hank Wagner: Thrillers : 100 Must-Reads

David Morrell, Hank Wagner (Ed.): Thrillers : 100 Must-Reads; Today’s best thriller writers on one hundred classics of the genre. – Longboat Key, Florida : Oceanview Publishing, 2010
ISBN 978-1-933515-56-4 – Preis (amazon.de) 23,99
Das “must-read“ im Titel lässt mich natürlich skeptisch werden. Warum soll man ausgerechnet diese einhundert Erzählungen, Romane und Epen lesen und nicht einhundert andere? Die beiden Herausgeber von “Thrillers – 100 Must-Reads“ sprechen den einhundert vorgestellten Werken einen gewissen Einfluss zu. Weiterhin haben sie den einhundert Thriller-Autoren, die jeweils ein Buch vorstellen, bei ihrer Auswahl noch weitere Kriterien mitgegeben: Gleichgültig, welche Unterart von Thriller vorliegt – Spionage-Thriller, Action-Thriller oder romantischer Thriller – gemeinsam müsse ihnen die Spannung sein, das Adrenalin, das sie durch die Adern ihrer Leser strömen lassen. Weiterhin zähle die Wirkung, die das Werk in seinem jeweiligen historischen Kontext und darüber hinaus verbreitet habe. Denn nicht jeder Roman, der womöglich vor 200 Jahren seine Leser fesselte, kann diese Wirkung noch heute erzielen – aber er hat vielleicht nachfolgende Autoren und ihren Stil, ihre Geschichten beeinflusst.
Nun, ob man beim Epos “Beowulf“ heutzutage vor Spannung immer noch ins Stocken gerät, ob “Macbeth“ uns immer noch schaudern lässt, ob “Frankenstein“ uns, die wir schon hunderte moderner Wissenschaftsthriller verschlungen haben, immer noch packt, bezweifele ich, aber das alleine ist eben nur ein Kriterium. Interessanter ist vielleicht zu sehen, welcher zeitgenössische Thriller-Autor welchen “Klassiker“ empfiehlt. Lee Child greift zur griechischen Mythologie und präsentiert uns die Geschichte von Theseus im Labyrinth des Minotaurus, David Liss erklärt uns die Faszination von “Robinson Crusoe“ und Joe R. Lansdale verweist mit “The Postman Always Rings Twice“ auf einen Klassiker der Moderne. Auch wesentlich aktuellere Romane finden sich als Empfehlung: Lee Childs “Killing Floor“ (man empfiehlt sich auch gelegentlich gegenseitig), Jeffery Deavers “The Bone Collector“ oder auch Dan Browns “Da Vinci Code“ stehen auf der Liste. Nun ja. Von einem ernstzunehmenden Kanon kann man wohl kaum sprechen, die ein oder andere Leseanregung mag es durchaus geben. Meine grundlegende Skepsis, wenn Thriller- oder Krimiautoren Thriller oder Krimis empfehlen, bleibt bestehen.
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