Dennis Lehane: Im Aufruhr jener Tage

Die Literatur-Etikettierer dürften an dem letzten Roman von Dennis Lehane große Freude gehabt haben. Ein historischer Polizeiroman, ein historischer Amerikaroman, ein historischer Roman einer Männerfreundschaft, ein historischer Gesellschaftsroman, ein historisches Familienepos – all das und vermutlich noch mehr ist “Im Aufruhr jener Tage“. Was auch immer davon genau zutreffen mag – es ist vor allem ein dicker Roman mit seinen 758 Seiten in der deutschen Übersetzung. Nun waren diese 758 Seiten recht flott zu lesen – dennoch bleibt mein Grundproblem mit historischen Romanen: Meine Unlust, die permanente Abgrenzung zwischen Fiktion und historischen Fakten zu überprüfen. Sprich: Ich habe in der Regel keine Lust, an einer Geschichtsstunde teilzunehmen, die ich mir zudem selbst halten muss.

Bei Lehane tritt dies Problem schon mit einer Randfigur des Romans auf: Die beiden Hauptstränge der Erzählung, angesiedelt rund um den historisch verbürgten Polizeistreik in Boston im Jahre 1919, sind eingebettet in schlaglichtartige Berichte des ebenfalls historisch verbürgten Baseballspielers Babe Ruth. Streik, Politik, Gewalt – alles Teil eines großen, amerikanischen Spiels, vor dem ich in der Tat etwas ratlos stand. Sich auch nur die Grundregeln des Spiels anhand eines Romans, der in dem Fall so gar nicht weiterhalf, anzueignen, scheiterte. Auch die Erklärungen in der Wikipedia oder ähnlichen Nachschlagewerken, waren nicht von Erfolg gekrönt. Was ein Home Run ist, was ein Pitcher zu tun hat und wie ein Base Stealing funktioniert – ich ahne es nur. Zuletzt stand ich bei einem Roman von Stephen Fry – ich glaube, es war “Der Lügner“ – vor einem ähnlichen Problem. Darin wird Cricket gespielt – ebenfalls eine Sportart, deren Regeln mir auch nicht in Ansätzen erklärbar sind. Im Falle von Lehane mögen mir so manche Anspielungen, die es gleich zu Beginn des Romans während eines zufälligen Spiels zwischen einer schwarzen und einer weißen Mannschaft gibt, vielleicht durch die Lappen gegangen sein. So ist das bei historischen Romanen: Ständig wälzt man sich in den Geschichtsbüchern, sucht im Internet und fragt sich: Was ist Fiktion, was ist Fakt, wo linkt mich der Autor – und was mache ich um Himmelswillen hier eigentlich?

Bombenstarke Anarchisten

Warum lese ich nicht einfach? Will ich mich nicht auf die Geschichte konzentrieren, die mir Dennis Lehane hier auftischt? Immerhin hat er sie selbst als seinen “großen, weißen Wal“ bezeichnet und sich somit schon auch in die Nähe des wirklich großen Herman Melville gerückt. Ironie oder Größenwahnsinn? Bei einem Autor wie Lehane ist das nicht so leicht zu sagen. Sein Roman jedenfalls wirkt eher wie ein gut gedichtetes, in die Breite geschriebenes Treatment für ein mögliches Drehbuch. So filmisch und bildstark können vermutlich nur die Autoren schreiben, die die Nähe zu Hollywood verspüren. Und so sind sie auch sehr plastisch, seine beiden Anti-Helden: Der schwarze Luther Laurence, Kleinganove und Hausdiener, und der weiße, irischstämmige Danny Coughlin, Sohn des Captains des Boston Police Departments. So weit ihre Welten durch Herkunft und Rasse zunächst auseinander liegen, der Zufall bringt sie zusammen. Luther flieht, nachdem er einen Gangsterboss getötet hat, quer durchs Land und findet schließlich im Hause des Captains eine Anstellung.

Hier nun kreuzen sich die Wege der beiden Männer, die tatsächlich so etwas wie eine Freundschaft verbindet. Der Rest ist die übliche, wenn auch bildstarke Staffage aus den historischen Breitwandschinken. Politische Unruhen, in die Danny verwickelt wird – er soll die Gewerkschaftsbewegung innerhalb der Polizei aushorchen und letztlich hochgehen lassen, wechselt aber die Seiten und stellt sich somit auch gegen seinen Vater – gehören ebenso zur Romanausstattung wie der verbreitete Rassismus, gegen den Luther versucht, sich aufzulehnen. Dann dichtet Lehane natürlich für jeden der beiden Männer noch eine traurig-tragische Liebesgeschichte hinzu: Luther, der seine hochschwangere Frau bei seine Flucht zurück lassen musste, Danny, der sich nicht standesgemäß in ein Dienstmädchen verliebt, das zudem schon mal verheiratet war. Ist das kitschig? Mag sein, es gehört aber irgendwie dazu – alles andere hätte mich schon enttäuscht.

Und dann natürlich das unvermeidliche Schlachtengetümmel, das historischen Schmökern so eigen ist. Keine römischen Sandalenträger, keine scheppernden Ritterrüstungen – nein, es sind die streikenden Polizisten, die sich hier gegenseitig abschlachten dürfen. Dazu noch fiese, bombenstarke Anarchisten – da blitzte in der Tat die Gegenwart mit ihren islamischen Terroristen auf – die sich auf ganz perfide Weise das Vertrauen von Danny erschleichen. Das ist Drama, das ist Geschichte, das ist Pop(corn)-Literatur. Das macht Spaß, das liest sich flott, das tut nicht weh. Man lernt sogar etwas, zumindest, wenn man die Geschichtsbücher daneben liegen hat. Einen großen, weißen Wal habe ich hingegen nicht entdecken können – obwohl man im Hafen von Boston durchaus auf Whale-Watching-Tour gehen kann.

Dennis Lehane: Im Aufruhr jener Tage : Roman / Aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff. – Berlin : Ullstein, 2010
ISBN 978-3-550-08754-7 – Preis 22,95 €

Originalausgabe:
Dennis Lehane: The Given Day. – New York : William Morrow, 2006

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Ein Beitrag von Ludger Menke

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