Blut ist ein Fluss
Guido Rohm: Blut ist ein Fluss

Das Dauergekreische der Kritiker nach “Realismus“ im Kriminalroman kotzt mich an. Wenn ich Realismus will, geh’ ich auf die Straße, laufe durchs Einkaufszentrum, fahre nach Hamburg-Neuwiedenthal oder hocke mich für einen Tag in den Warteraum der ARGE. Soviel Realismus erträgt keiner, erst recht nicht die Sesselpupser aus den maroden Feuilletonbruchbuden. Das immer mehr Autoren und Autorinnen dem Ruf der kritisierenden Kaste folgen und dabei in die Kolportagefalle tapsen, ist das Problem dieser Tölpel. Erfrischend hingegen, wenn es Autoren gibt, die auf diese ganze Realismus-Kacke pfeifen und sich – frei nach Pippi Langstrumpf – ihre Welt so machen, wie sie ihnen gefällt. Dafür sind sie schließlich Schriftsteller geworden.

Wieviel Pippi Langstrumpf in Guido Rohm steckt, kann ich nicht beurteilen. Gewieft aber, dass er sich in seinem Roman “Blut ist ein Fluss“ eine reale Figur erschaffen hat, seinen Schriftstellerkollegen Tom Torn, der unter anderem durch seine Romane “Jenseitsmusik”und “Der gute Polizist” Kultcharakter erlangt hat, jedenfalls, wenn es nach seinem deutschen Verlag geht. Das Problem: Die Realismus-Junkies aus den Kulturghettos sind mit so viel kunstvoller Roman-Realität überfordert, weshalb sie das Buch von Guido Rohm erst gar nicht angefasst haben. Solche Meta-Romane – denn darum handelt es sich bei “Blut ist ein Fluss“ – sind vermutlich zu fiktiv, zu unrealistisch, zu postmodern. Dabei beginnt Rohms Roman mit einer eleganten und klugen Betrachtung über den Wirtschaftszweig Kriminalität, die eigentlich jeder Krimikritiker gelesen haben sollte. Ein verurteilter Mörder sinniert darin über diejenigen nach, die mit Verbrechen ihre Brötchen verdienen – und das sind auch Krimi-Kritiker.

Reaktionäres Arschloch

Ein Prolog, der den Leser anschließend in kleines US-amerikanisches Kaff am Fluss katapultiert, in dem ein Serienmörder Schlachtfest feiert. Geschrieben wird diese Geschichte von eben jenem Tom Torn, einem saufenden und fickenden Literaturmonster. Seine Motive und Bilder, die Torn entstehen lässt, sind alte Bekannte: eine einsame Gegend (ich würde auf die Südstaaten tippen), eine Scheinidylle, kaputte Familienverhältnisse, häusliche Gewalt, derbe amerikanische Landbevölkerung. All das sind Referenzen, die von Mark Twain über Jim Thompson hin bis zu Joe R. Lansdale reichen. Und James Ellroy, dessen wirre Verschwörungsorgie “Blut will fließen“ erst kürzlich dafür sorgte, dass den Herrschaften der Kritiker-Zunft einer nach dem anderen abging. Die alten Männer kriegen schon einen Ständer, wenn sie nur Kennedy, Hoover, Nixon und CIA lesen. Eine Randbemerkung, die dennoch erwähnt werden soll, da sich Rohms Roman-Titel “Blut ist ein Fluss“ auch als ein elegant platzierter Seitenhieb auf Ellroys letzten, arg dämlichen Titel lesen lässt.

Zurück zu Tom Torn, der seine Geschichte vom Serienkiller, der natürlich der örtliche, brave Bulle ist, quasi vor den Augen des Lesers nieder schmiert. Das nennt man dann wohl die Meta-Ebene, auf der nicht nur über das Schreiben von Kriminalromanen gegrübelt, sondern vor allem der widerliche Literaturbetrieb – ein Hort des Verbrechens – entblößt wird. Das Tom Torn dabei als reaktionäres und arrogantes Arschloch so manchen Sympathiepunkt einfährt, wundert nicht wirklich. So entwickelt sich eine faszinierende Parallelhandlung – düstere Krimihandlung hier, finsteres Autorendasein dort – die einem minderbegabten Krimiautor leicht entgleiten könnte, bei Guido Rohm, der über ein außerordentliches Gespür für Zeit und Dramatik verfügt, jedoch bestens aufgehoben ist und auf allerfeinste Art verwoben wird.

“Blut ist ein Fluss“ ist einer der wenigen, gelungenen Meta-Kriminalromane, der in seiner ganzen Dunkelheit ein echter Lichtblick in dem tristen Allerlei der derzeitigen Produktion darstellt. Rohms Entdeckung von Tom Torn ist ein wertvoller Fund für jene deutschsprachige Kriminalliteratur, die mehr will, als albernes Regiogedöns oder nervtötendes Psycho-Geschwafel. Als Autor ganz seiner Fiktion verpflichtet, hat Rohm zudem einen echten Internet-Roman geschrieben – auch wenn dies nicht gleich für jeden erkennbar sein dürfte. Kurz: Hier darf ich nach Herzenslust Leser sein, weil Rohm ein wahrhaftiger Autor ist, der alle möglichen Formen der Literatur nutzt. Er ist nicht einer dieser Schriftstellerdarsteller, auf den die Feuilletonisten so gerne reinfallen.

Guido Rohm : Blut ist ein Fluss : Roman. – Frankfurt am Main : Seeling Verlag, 2010
ISBN 978-3-938973-12-7. – Preis: 12 €
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Ein Beitrag von Karl Ludger Menke

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