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Samstag, den 23. Februar 2013, später (Twitter Extended Version)

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WochenrückblicksSolo: Aus nicht gegebenen Anlass entfällt die Krimiblog-Konferenz in dieser Woche. Ihr Krimi-Depeschen-Dienststellenleiter schneit nämlich gerade ein. So muss sich das bei der „Mausefalle“ anfühlen, allein meine derzeitige Bleibe ist leider kein altes, viktorianisches Haus. Eiskalt ist es dennoch.

In diesen letzten Tagen, da die Schneeberge wuchsen, tröpfelte das Internet nur gelegentlich auf meine diversen Bildschirme, aber was ich da vor die Augen bekam, möchte ich nicht unerwähnt lassen. Die Überschrift könnte lauten: Der überforderte, deutsche Intellektuelle und dieses Twitter. Twitter, Sie kennen es, ist dieser „Kurznachrichtendienst“ – andere nennen ihn ein „Microblog“-System. Ich würde es einfach als Kommunikationskanal bezeichnen, aber das ist meine Sicht der Dinge. „Twitter ist für mich gestorben“ titelte Piraten-Politiker Christoph Lauer im Feuilleton (!) der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Einen Tag später die passende Replik dazu von Stefan Niggemeier (fassen Sie dies als „Me-Too“-Kommentar zum Niggemeier-Text auf).

Das alles erschien mir harmlos, bis mir am Donnerstag dieser Text – ebenfalls bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, diesmal jedoch in den Blogs – vor die Augen kam: „Twitter ist wie die DDR“ von Katrin Könicke. Dieser Text wäre Grund genug, einen ordentlichen Rant loszutreten. Rant, das ist jetzt dieses neue Modewort für die Tätigkeit im Netz, der ich früher gelegentlich auch nachgegagen bin – rumpöbeln. Das nennt man jetzt also Rant. Ich mache das ja nicht mehr, würde ich es aber tun, müsste es wohl so aussehen:

<rant>Liebe Frau Könicke, lieber Herr Lauer, liebe überfordete, deutsche Intellektuelle: Lasst doch einfach die Finger von Twitter, wenn Euch Twitter zu kompliziert ist. Aber dann haltet doch bitte auch einfach die Klappe zu diesem Thema.</rant>

Gut, so würde ich das jetzt nicht mehr schreiben wollen. Dafür finde ich Twitter, diesen in Deutschland unverstandenen Kurznachrichten-/Microblogging-/Kommunikationskanal, zu wichtig. Ich will jetzt gar nicht mit solchen Ereignissen wie #aufschrei beginnen, an denen die Menschen bei Twitter ihren großen, initiierenden Anteil hatten. Es muss auch alles gar nicht so politisch sein – 99 % der twitternden Politiker langweilen mit ihren Tweets – nein, Twitter ist für mich ein sehr wichtiges und gutes Informations- und Kommunikationsteil, das eben durch seine Einfachheit so viele, faszinierende Möglichkeiten bietet. Schön, gell. Besser hätte es die PR-Abteilung von Twitter auch nicht sagen können.

Die kleinen Helferlein

Aber es geht mir nicht um Lob, Hudel und „Twitter ist toll“. Twitter kann sinnvoll sein – wenn Sie und ich es sinnvoll nutzen. Dieser elendige und historisch so dumme DDR-Vergleich von Frau Könicke lässt sich ja ganz einfach widerlegen. Menschen bauen Mauern. Manche davon schützen uns vor Kälte und Nässe und wilden Tieren, manche sperren Menschen, ganze Völker ein. Sollte Frau Könicke als DDR-Flüchtling eigentlich wissen. Und sie sollte sich fragen, wie lange sie auf die Ausreise aus der DDR warten musste (laut ihrer Biographie waren es über zwei Jahre) und wie lange es dauerte, bis sie bei Twitter raus war. Da relativieren sich schon die Dinge, finde ich.

Kurz: Man kann Mauern, Messer oder „das Internet“ so oder so nutzen. Twitter eben auch, dessen Dienste Frau Könicke übrigens weiterhin auf einem ihrer Blogs anpreist. Jeder ihrer Artikel dort hat einen fetten Vogel im Kopf, um den jeweiligen Beitrag eben bei Twitter zu empfehlen. Ein konsequenter Ausstieg bei Twitter sieht anders aus.

Aber lasse ich Frau Könicke doch in ihrer Filter Bubble allein. Filter ist dabei schon das richtige Wort: Ob Twitter für mich gut oder schlecht ist, liegt allein an mir. An den Leuten, denen ich folge – und darunter sind durchaus Menschen, deren Einstellungen und Meinungen mich immer wieder aufregen – und an den Leuten, die mir folgen und meine Tweets womöglich favorisieren und/oder weiterleiten (retweeten). Schneeball-System, Sie kennen das.

Ebenso wichtig sind vernünftige Tools und Helferlein, mit denen Twitter genutzt wird. Wer sich nur allein auf die originäre Twitter-Seite verlässt, hat schon verloren. Twitter wird erst durch Applikationen und Helferlein gut. Tweetdeck ist so ein Teil, das schon seit Jahren auf meinen diversen Bildschirmen aufblinkt und ein nützlicher Newsticker ist. Und zwar für die Dinge, die ich wirklich wichtig finde. Die Edgars wurden vergeben? Bei Twitter erfahre ich es über mein laufendes Tweetdeck brandaktuell. Ray Bradbury ist gestorben? Twitter hat die traurige Chronistenpflicht als Erster erfüllt. Sockpuppets in der englischsprachigen Krimiwelt? Twitter weiß nicht nur Bescheid, es war der erste digitiale Platz, auf dem dieser Skandal aufgedeckt wurde.

Sie wollen englischsprachige Krimiautorinnen und -autoren kennen lernen? Eröffnen Sie ein Twitter-Konto, suchen Sie die entsprechenden Autoren und folgen Sie ihnen (Erste Empfehlungen finden Sie übrigens hier, hier und hier für deutschsprachige Autoren). Sie werden sehen, wie schnell Sie Kontakt bekommen. Vielleicht nicht mit jedem, denn natürlich haben auch manche Autoren nicht verstanden, wozu Twitter auch da ist: Nicht (nur), um Werbung für eigene Bücher in Dauerschleife zu machen, sondern um zu kommunizieren. Was aber heißt Kommunikation? „In 140 Zeichen, da krieg‘ ich ja keinen vernünftigen Satz hin.“ Dann streng Dich an. Fasse Dich kurz. Oder, wenn es anders nicht geht, schreibe ein Blog, beteilige Dich in Foren, verlinke Artikel. Niemand sollte – wie es Frau Könicke offenbar erwartet – längere Diskussionen bei Twitter erhoffen. Dazu ist der Dienst zu kurz, zu schnell und sicher auch zu oberflächlich. Aber jedes Ding hat eine Oberfläche und wenn die spannend gemacht ist und mir die Möglichkeit gibt, durch Links in die Tiefe zu dringen, dann ist das klasse. Genauso funktioniert Twitter. Meine Forschungsergebnisse aus der Tiefe kann ich dann anschließend bloggen und an meine Follower weitergeben.

Originäre Auswahl statt eigener Redundanz

Über 3.500 sind es derzeit. Als Krimiblogger freue ich mich darüber, es sind tolle Leute, tolle Autorinnen und Autoren, tolle Leser, tolle Kritiker, mit denen ich vermutlich ohne Twitter nie in Kontakt gekommen wäre. Und viele Texte, Bücher, Kritiken hätte ich nie gesehen.

Womit ich bei einer anderen Unsitte vieler Twitter-Nutzer bin: Wenn sie ein Blog, eine Internetseite beitreiben und zugleich Twitter nutzen, was binden sie ein? Ihre eigenen Tweets. Das nennt man, liebe Leute, Redundanz oder auch digitale Selbstbefriedigung. Wenn ich diese Tweets lesen möchte, folge ich dem entsprechenden Twitter-User. Oder ich suche sie bei Twitter. Wesentlich sinnvoller ist es doch, wenn dort die Tweets eingebunden werden, die sie favorisiert haben. Nicht die eigenen Tweets sind spannend, die, die sie auswählen sind es. So werden neue Erzählformen möglich: Ein Jahresrückblick in Tweets etwa. Oder ein Nachruf in Tweets. Oder, oder, oder. Digitales Storytelling – mit Twitter sehr gut möglich.

Twitter mag oberflächlicher sein, aber der Zugang ist leichter. Eine Freundschaftsanfrage bei Facebook ist mit einer höheren Hemmschwelle belegt, als ein einfaches „Follow“ bei Twitter. Und dennoch kommt es für mich bei Twitter viel schneller zum Austausch, auch über E-Mail oder Telefon. Von der Tendenz her ist Facebook für die Leute, die man schon kennt, Twitter für die Leute, die man unverbindlich kennenlernen möchte.

Und jetzt ab an die Schneeschaufel!

Lesen Sie nächste Woche: Krachend gute Krimis aus Russland, Italien und Kiribati, dazu wie immer ausufernde Links und schneefreie Zonen. Bis dahin.

Veröffentlicht von

human since 1966 | librarian since 1992 | dj since 1994 | online editor since 1999 | blogger since 2005 | t.b.c.

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