William Lindsay Gresham: Nightmare Alley – S. 705
Zitiert aus Crime Novels: American Noir of the 1930s & 40s
Gresham ist ein weiterer dieser fast vergessenen Autoren, Opfer der Depression – der frühen wie der aktuellen. Immerhin: Vor zwei Jahren wurde Nightmare Alley wiederveröffentlicht, eine deutsche Übersetzung ist mir nicht bekannt. Gresham erfindet eine Welt, die uns so fremd erscheint, so fern. Es ist die Welt der Carnies, eine Mischung aus Zirkus und Jahrmarkt, die ungeschliffene, brutale Form der Unterhaltung. Bei Gresham lernt man, was es mit dem Ausruf “Hey, Rube!” auf sich hat und was ein Geek wirklich ist. Mit dieser Definition hat das überhaupt nichts zu tun.
Ein Blick hinter den Vorhang des amerikanischen Showbusiness in seiner ursprünglichsten, ländlichsten und menschenverachtensten Form. Und darin also erlebt der sagenhafte Stan Carlisle seinen ganz persönlichen Aufstieg bis hin zum schummelnden und betrügenden Priester sowie der Absturz und das Ende als Geek. Jahrmarkt der Eitelkeiten auf die ganz schaurige Art. Die oben zitierte Szene spielt übrigens im Leichenkeller eines Krankenhauses.
Nach solchen Romanen fällt es mir immer wieder besonders schwer, auf diese zum großen Teil dümmlich-dümpelnde aktuelle Krimiproduktion umzuschwenken (ja, ich weiß, es gibt Ausnahmen). Tatsächlich ist Nightmare Alley für mich einer der besten Romane, die ich seit längerer Zeit gelesen habe. Präzise getextet, prägnante Bilder, die mich nicht los lassen, faszinierend und abstoßend. Ein Schausteller-Roman, der zur Schau stellt, nicht mit voyoristischer Intention, sondern zur Aufklärung. So könnte Kriminalliteratur sein.
Am Ende der – entschuldigen Sie die blumig-platte Übersetzung, aber bei dem Grauen muss ich mich irgendwohin retten, und wenn es ins dämliche Wortspiel ist – Alptraum-Allee bleibt nichts. Die Gewissheit, dass ich selbst da auch irgendwann sein werde. Jeder von uns. Bis dahin bleibt die Flucht in die Literatur. Denn die Realität gehört schon längst verboten.
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