Andersons Diebe fesseln mich dann doch. Die Lektüre von Thieves Like Us ist holprig, was womöglich aber auch an der Slang-Barriere liegt. Dafür gibt es diese knallguten, ersten Sätze, mit denen Edward Anderson seine Kapitel eröffnet, und seine lakonischen Ortsbeschreibungen lesen sich ebenfall wie Butter. Als passendes Bühnenbild zur Liebesgeschichte zwischen Bankräuber Bowie und Gangsterbraut Keechie entwirft Anderson eine fabelhafte Gangster-Idylle.

»The back yard of Welcome Inn had the width of an alley and then a fence of barbed wire and beyond that was ranch land, sage-grass and broomweed; far-reaching woods of green, pollen-blowing cedars and gray-trunked scrub-oaks. In it, long-horned, white-faced cattle grazed and sometimes one would come to their fence and nose in the rusty iron drum of burned cans and garbage. Once, Keechie had seen a doe and she called Bowie, but when he got to the back door, it was gone. Away to the south, beyond the woods, the Hills embossed the sky in a great, crawling circle. This evening, the sinking sun had flushed the horizon to a pretty pink like Keechie’s underthings.«
Edward Anderson: Thieves Like Us – S. 316
Zitiert aus Crime Novels: American Noir of the 1930s & 40s

Klare Vorlage für einen Film. Der Roman wurde dann auch wohl mindestens zweimal verfilmt, wie man dem ausführlichen, zweiteiligen Porträt über Edward Anderson von Woody Haut entnehmen kann. An dieser Stelle herzlichen Dank an Thomas Klingenmaier (Killer & Co) für den Hinweis auf dieses Porträt.

Eine Gangstergeschichte mit Kapitalismuskritik. Die rutscht bei Anderson so durch und man könnte sie, wenn man sich arg auf die Entwicklung der drei Bankräuber konzentriert, fast aus den Augen verlieren. Nein, das ist nicht plakativ, sondern unterstreichend zu dem Realismus, den Anderson da auffährt. Alles in allem sehr geerdet, nah, schlicht und doch gut.

Wesentlich hysterischer, aufschäumender und künstlicher ist da Kenneth Fearings The Big Clock. Weg vom Land, rein in die überdrehte Welt der New Yorker Zeitungsmacher und Medienmogule. Die Geschichte von George Stroud, der eine Affäre mit Pauline Delos beginnt. Sie ist die Frau seines Chefs, dem Verlagsboss Earl Janoth. Nach einem Rendevouz an einem Sammstagabend bringt George Pauline zu ihrer Wohnung und beobachtet, wie ihr Ehemann das Haus betritt. Kurze Zeit später ist Pauline tot, erschlagen von ihrem wütenden Mann, dem sie im Streit vorgeworfen hatte, er habe eine homosexuelle Affäre mit seinem besten Kumpel Steve. George ist klar, dass Earl seine Frau getötet hat – doch hat Earl auch ihn vor der Tür gesehen?

Eine raffinierte Jagd nach dem Augenzeugen George beginnt, arrangiert und orchestral durchgeführt von einer großen Zeitungsredaktion, geleitet von George und Steve. Wunderbarer Plot, gut ausgedacht, verstärkt durch die wechselnden Perspektiven der erzählenden Charaktere. Dazu als bunte Beimischung eine durchgeknallte Malerin, deren Werk George sammelt und das ihn auf verschlungene Weise mit dem Mord in Verbindung bringen könnte. Weiterhin enthalten: bissige Medienkritik, Einblicke in die New Yorker Verlagslandschaft und enttäuschte Journalie. Ja, lesenswert! Wurde, wenn ich das richtig gesehen haben, leider bislang nie ins Deutsche übersetzt – schade.

Und damit zurück in den Lesegarten.

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Ein Beitrag von Karl Ludger Menke

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