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Brief an Michael Kelly, Privatdetektiv, Chicago

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Winterberg, im März 2010

Sehr geehrter Mr. Kelly,

zunächst möchte ich Ihnen mein Beileid zum Tode ihrer langjährigen Freundin Nicole aussprechen. Ihre Ermordung, deren Zeuge ich während der Lektüre Ihres ersten Falles „Preis der Schuld“ wurde, hat mich gerührt, so wie mich auch die gesamte Lektüre überrascht hat. Versprachen doch Klappentext und Pressestimmen einen „Raymond Chander für das 21. Jahrhundert“, einen Privatdetektiv in der Tradition von Sam Spade und Philip Marlowe. Gewiss, diese Tradition will ich Ihnen nicht absprechen, schließlich sind Sie Privatdetektiv in Amerikas Windy City, dort, wo auch zum Beispiel ihr weiblicher Gegenpart V. I. Warshawski ihrem Job nachgeht. Dennoch sind Sie ein wenig anders: Sie lesen Aischylos und Homer, die griechische Mythologie mit ihren blutigen Fehden ist Ihnen nicht unbekannt. Selbstverständlich tauchte bei mir während der Lektüre ihrer Geschichte einmal mehr die Frage auf, inwieweit griechische Dramen und Epen immer auch schon Kriminalerzählungen sind und ob wir letztlich nicht immer wieder in der Kriminalliteratur diese Erzählformen durch deklinieren. Die Verknüpfung, die Ihr geistiger Vater Michael Harvey da herstellt, ist auf jeden Fall ein interessanter Ansatz.

Natürlich kannten auch die alten Griechen ein Verbrechen, das in ihrer Geschichte in den Mittelpunkt rückt: Die Vergewaltigung. Es ist der Fall der jungen Elaine Remington, der Ihnen, werter Mr. Kelly, keine Ruhe lässt. Ihr alter Polizeikumpel John Gibbons sucht Sie auf. Während er immer noch im Dienste des Staates steht, arbeiten Sie schon länger auf eigene Faust. Ihr Kumpel Gibbons schildert gleich zu Beginn in einem stakkatohaftem Gespräch den Überfall auf die junge Frau, die bei einer Vergewaltigung auf offener Straße mit Messerstichen malträtiert wird. Heiligabend 1997 passierte das. Nur knapp überlebte Elaine den Angriff und doch wurde der Täter nie gestellt. Gibbons Chef lobte seinen Untergebenen damals nach oben – dafür musste Gibbons die Klappe halten. Nun, neun Jahre später, plagt Gibbons das Gewissen – auch, weil Elaine sich in einem Brief an ihn gewandt hat. Mit diesem Brief in der Hand steht er nun bei Ihnen, Mr. Kelly, weil Sie in seinen Augen der beste Ermittler waren und sind. Ahnten Sie, in welches Unheil Sie dieser Besuch Ihres früheren Kollegen Sie führen wird? Vermutlich nicht, denn nur einige Stunden nach dem Besuch bei Ihnen ist John Gibbons tot. Er liegt erschossen unter einem Pier.

Der Mord an Ihrem Kumpel bringt viele Dinge ins Rollen: Eine attraktive TV-Moderatorin tritt in Ihr Leben, Sie werden als Tatverdächtiger verhaftet, und schließlich erscheint auch Nicole, mit der sie seit den Tagen Ihrer harten irischen Kindheit eine Freundschaft pflegen, auf der Bildfläche. Eine junge, schwarze Frau, die es wie Sie zur Polizei geschafft hat und bei einem Sonderdezernat für Vergewaltigungsdelikte arbeitet. Nicole ist es, die es Ihnen als Privatdetektiv ermöglicht, auf Polizeiquellen und Polizeimethoden zurück zu greifen. Sie ist es auch, die Sie mitnimmt zu weiteren Mord- und Vergewaltigungsfällen. Doch nicht nur das: Sie, Mr. Kelly, stöbern im Asservatenlager der Chicagoer Polizei und stoßen dabei auf eine Spur, die schließlich ihrer Freundin Nicole das Leben kosten wird und Sie zu dem wohl berühmtesten Serienkiller Ihrer Stadt führt: John William Grime, der uns in der realen Welt als John Wayne Gacy bekannt ist. Ihr Grime hat vor allem weibliche Prostituierte vergewaltigt und ermordet, unser Gacy hatte es bekanntlich auf Jungs abgesehen. Beide – Grime und sein reales Vorbild Gacy – sind als Killer-Clowns bekannt.

Sex, Tod und Rache

Was denken Sie, Mr. Kelly? Haben wir nicht schon genug über Serienkiller gelesen, gehört und gesehen? Killer-Clown, Boston-Strangler oder der Zodiac-Killer – irgendwie gehören diese menschlichen Monster offenbar zur US-amerikanischen Kultur. Mehr zumindest, als zur europäischen oder deutschen Kultur – bei uns sind da eher die Massenmörder beheimatet. Aber, um zu Ihrer Geschichte zurückzukehren, der Serienkiller bleibt bei Ihnen eine Randfigur, wenn auch eine wichtige. Die Ergebnisse Ihrer spannenden Nachforschungen, die durchaus noch mehr Tote nach sich ziehen, weisen auf ein anderes Phänomen hin: Vergewaltigung. Gut erinnere ich mich noch an die Worte von Rachel Swenson, Vorsitzende einer Organisation, die sich um vergewaltigte Frauen kümmert, die sie während einer Wohltätigkeitsveranstaltung ans Publikum richtet:

Es gibt über einhundert Millionen Frauen in den Vereinigten Staaten. Fast zwanzig Prozent davon, etwa achtzehn Millionen, wurden schon einmal vergewaltigt. Die Mehrheit davon mehr als ein Mal. (…)Insgesamt kommt es in diesem Land zu über achthunderttausend sexuellen Übergriffen im Jahr. Das sind dreizehnmal mehr als in Großbritannien. Zwanzigmal mehr als in Japan.

Tatsächlich sind diese Zahlen für die USA, soweit ich das absichern konnte, weitgehend belegt. Realität in der Fiktion, eine Realität, mit der Sie sich als Privatdetektiv in ihrer Geschichte ganz konkret auseinandersetzen müssen. Von ihrer toten Freundin, deren Vergewaltigung sie einst als Junge anschauen mussten, bis hin zu einem jungen Mädchen, das von ihrem Vater misshandelt wurde, treffen Sie in Ihrer düsteren, traurigen Geschichte auf einige Opfer sexueller Gewalt. Wie Sie damit umgehen, ist erstaunlich und von Ihnen spannend geschildert. Ihr Erfinder Michael Harvey hat Ihnen dafür eine komplexe Persönlichkeit mitgegeben. Eine Persönlichkeit, das darf ich sicher sagen, Mr. Kelly, die sich abhebt von den oft eindimensionalen Privatschnüfflern, die einem als Leser immer wieder unter die Augen kommen. Das dazu die Lektüre griechischer Klassiker sicher ihren Teil beigetragen hat, mag sein. Eine kluge Dramaturgie, raffinierte Wendungen, die immer wieder Ihr Schicksal bestimmen und gelegentliche harte Schnitte und Bruchstellen – all das durfte ich Ihrer Geschichte entnehmen. Sie hat mich ein wenig klüger gemacht. Unterhalten hat sie mich nicht – was nicht negativ gemeint ist, denn schließlich haben Sie mir eine grausame Geschichte von Sex, Tod und Rache erzählt. Am Ende blieben mir dann sogar mehrere Auflösungen – auch das hat Ihr Schöpfer sehr geschickt eingefädelt. Es waren nicht durchweg angenehme Lesestunden mit Ihnen, das sicher nicht. Aufklärerisch war es hingegen schon. Danke dafür. Ich freue mich auf ein Wiederlesen mit Ihnen.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Ludger Menke

Postskriptum:
Michael Harvey: Preis der Schuld : Kriminalroman / Aus dem Amerikanischen von Anke und Eberhard Kreutzer. – München : Knaur, 2010
ISBN 978-3-426-50251-8 – Preis: 8,95 €

Originalausgabe: Michael Harvey: The Chicago Way. – New York : Alfred A. Knopf, 2007

Links:
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